Berlin : Nach der Amokfahrt: Tonnenschwere Findlinge sollen den Reichstag schützen

Werner Schmidt,Holger Stark

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse hat auf die Amokfahrt eines 22-Jährigen am Reichstag reagiert und gestern die beiden Auffahrten zum Osttor mit zwei je 1,9 Tonnen schweren Steinen versperren lassen. Damit wird eine Zufahrt zum Hintereingang des Bundestags nicht mehr möglich sein. Vorbild ist das Schloss Bellevue: Die Zufahrt zum Sitz des Bundespräsidenten wurde mit versenkbaren Pollern versperrt, nachdem 1996 ein Autofahrer das Tor durchbrochen hatte und bis vor den Haupteingang gefahren war.

Montagabend gegen 18.40 Uhr war, wie berichtet, ein Mann mit seinem Ford Fiesta die Rampe des Reichstags hinaufgefahren. Er versuchte, den Eingang zu durchbrechen, scheiterte aber am Sicherheitsglas. Daraufhin sprang er aus seinem Wagen und wollte das mit Benzin getränkte Auto mit einem Schuss aus seiner Leuchtpistole anzünden. Dabei wurde er vom Sicherheitsdienst des Parlamentes überwältigt.

Der Mann stammt aus dem Raum Magedeburg. Als Motiv nannte er den Ermittlern persönliche Probleme. Ihm gehe es schlecht, und er habe Schwierigkeiten im Beruf. Der Mann wurde gestern Abend dem Haftrichter vorgeführt, der auch über seine Unterbringung in einer Klinik entscheiden sollte. Ihm wird versuchte Brandstiftung vorgeworfen.

Lutz Schmidt, Chefarzt der Psychiatrie am Benjamin-Franklin-Klinikum der Freien Universität, unterscheidet in solchen Fällen zwei Tätergruppen: Zum einen könne es sich um Wahnkranke handeln, die sich verfolgt fühlen und in ihrer Verzweiflung versuchen, "ins Zentrum der Macht einzudringen, um dort unterzugehen". Zum anderen könnten Persönlichkeitsgestörte, die in abnormer Weise geltungssüchtig sind, versuchen, "mit völlig untauglichen Mitteln, großes öffentliches Interesse zu erregen".

Die Amokfahrt ist der dritte Zwischenfall in diesem Jahr. Im März hatte sich ein 29 Jahre alter Türke auf den Stufen des Gebäudes mit Benzin übergossen und angezündet. Er starb an seinen Verbrennungen. Verhindern konnte der Sicherungsdienst die Selbsttötung eines Mannes, der von der Reichstagskuppel springen wollte..

Bundestagssprecher Hans Hotter kündigte gestern an, auch die Zufahrt von der Paul-Löbe-Straße her künftig mit Absperrgittern zu versehen. Am Westeingang des Reichstags - dem Haupteingang - soll die Zufahrt zudem erheblich schmaler werden, um genauer kontrollieren zu können, wer durchfährt.

Die Mehrzahl der Gebäude, die von der Bundesregierung oder vom Bundespräsidenten genutzt werden, sind so gesichert, dass ein Durchbrechen mit einem Fahrzeug für nicht möglich gehalten wird. Allerdings steigt mit der kriminellen Energie eines Angreifers auch die Gefahr, sagte ein Sicherheitsexperte des Grenzschutzes.

Beim Verteidigungsministerium etwa werden die Besucher kontrolliert. Das Gelände ist umzäunt. Für die Sicherheit sind die Feldjäger zuständig. Die Zufahrt wird während der Dienstzeit mit Schranken geregelt, außerhalb wird die Zufahrt durch ein Tor gesperrt.

Der Bundesgrenzschutz bewacht den Sitz des Bundespräsidenten, das Schloss Bellevue. Vor dem Schlossvorplatz ist an der Bellevuestraße eine Rasenfläche, die sich zum Amtssitz von Johannes Rau neigt. An ihrem Ende steht eine etwa zwei Meter hohe Mauer. Spätestens hier würde eine Amokfahrt gestoppt.

Versenkbare Poller sperren die beiden Zufahrten vom Schloss. Zudem wachen Bundesgrenzschutzbeamte. Der Zaun um das Grundstück wird mit Kameras überwacht.

Dass ferngesteuert versenkbare Poller nicht nur schützen, sondern auch eine Gefahr darstellen können, erlebte Verteidigungsminister Scharping vor zwei Wochen bei einem Besuch in Washington. Auf dem Gelände des US-Verteidigungsministeriums löste sich nämlich einer der versenkten Poller just in dem Moment, als Scharpings Wagen darüber fuhr. Durch den hochschnellenden Eisenpoller wurden Auto und Insassen angehoben. Scharping wurde leicht verletzt.

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