Nach der Braunkohle : Lausitz statt Languedoc

Mit Wein und Gründergeist raus aus der Braunkohle. Wie die Potsdamer Regierung ihr Land präsentiert.

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Früher stand hier ein Dorf. Dann kamen die Braunkohlebagger. Und seit 2010 wachsen auf sechs Hektar Reben in der Lausitz.
Früher stand hier ein Dorf. Dann kamen die Braunkohlebagger. Und seit 2010 wachsen auf sechs Hektar Reben in der Lausitz.Foto: Dagmar Dehmer

Vor drei Jahren sind die Stare in Scharen über die Trauben hergefallen. Damals gab es keine Ernte vom Wolkenberg, einer Rekultivierungsfläche des Braunkohletagebaus Welzow in der Lausitz. Inzwischen werden die Weinstöcke mit Netzen vor den Vögeln geschützt. 2015 hat der Meißener Kellermeister Martin Schwarz 15 000 Flaschen Wein aus der Lese auf dem Wolkenberg gekeltert. Dort wachsen seit 2010 auf sechs Hektar Reben. Hartmuth Zeiß, Vorstandsvorsitzender der Kohlesparte von Vattenfall, zeigt fröhlich auf ein paar schlanke Flaschen mit Grauburgunder, Weißburgunder und Rotem Riesling – „eine echte Rarität“, schwärmt Zeiß.

2005 hatte Schwarz mit 99 Reben getestet, ob auf dem Gelände des ehemaligen Dorfes Wolkenberg, das den Braunkohlebaggern zum Opfer gefallen war, Wein erzeugt werden kann. Es kann. Der erfolgreiche Winzer vermarktet seinen Wein für zehn bis 16 Euro pro Flasche. Vermutlich zahlen die Kunden nicht nur für das Getränk, sondern auch für den leichten Grusel. Schließlich kommt der Wein aus einer Mondlandschaft. Der Wolkenberg hat dieses Stadium allerdings schon hinter sich. Direkt daneben erstrecken sich Naturschutzflächen, Aufforstungsgebiete und einige Äcker, die schon wieder bewirtschaftet werden. Die Lerchen stehen in der Luft und singen ihr Lied. Keinen Kilometer weiter frisst sich der Braunkohlebagger weiter durch die Erde.

Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD).
Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD).Foto: Dagmar Dehmer

Auf der Suche nach den Lausitzer Perspektiven nach der Braunkohle darf der Wolkenberg nicht fehlen. Deshalb hat Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) den Weinberg mit einer Gruppe Hauptstadtjournalisten bei einer Rundfahrt angesteuert. Gerber will einerseits vermitteln, dass er weiß, dass das Kohlezeitalter ans Ende gekommen ist. „Auch ich bin am Erfolg der Energiewende interessiert – auch wenn das nicht jeder so wahrnimmt“, sagte er am Montag. Die Braunkohle werde aus Gründen der Versorgungssicherheit „noch eine ganze Weile gebraucht“, sagte Gerber aber auch.

Brandenburg überarbeitet sein Energiekonzept

Brandenburg überarbeitet gerade sein Energiekonzept, ergänzt sein Abteilungsleiter Energie und Rohstoffe, Klaus Freytag, der bis Ende 2015 das Landesbergamt geleitet hat. Die rituelle Verteidigung der Braunkohle durch die brandenburgische Landesregierung klingt etwas müde an diesem sonnigen Sommertag in der Lausitz. Die Fahrt führt vorbei an unzähligen Windrädern, gegen die ein Teil der Brandenburger in einem Volksentscheid „Rettet Brandenburg“ gerade Sturm läuft. Gerber bedauert, dass es hier kaum gelungen sei, die Bürger direkt an den Gewinnen aus den Windenergieanlagen zu beteiligen. Die meisten Windparks stünden in strukturschwachen Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit wie der Prignitz, „wo sich die Leute Beteiligungen gar nicht leisten können“. Aber da suche sein Ministerium gerade nach praktikablen Lösungen.

Am Welzower Fenster dürfen auch Touristen einen Blick auf den Tagebau Welzow-Süd werfen.
Am Welzower Fenster dürfen auch Touristen einen Blick auf den Tagebau Welzow-Süd werfen.Foto: Dagmar Dehmer

Diese Lösungen sucht auch René Markgraf. Der Gründer und Alleingesellschafter der Firma Ibar Systemtechnik in Cottbus hat sich kurz nach der Wende mit Automatisierungssoftware selbstständig gemacht. Inzwischen beschäftigt er 50 Programmierer und sich selbst unter anderem mit dem Stromnetz und der Steuerungstechnik, die nötig ist, um erneuerbare Energien zur Wärmeversorgung und im Verkehr einzusetzen. Markgraf träumt von Cottbus als „energieautarker Stadt“. Mit 100 000 Einwohnern würde die Stadt die zahlreichen energieautarken Dörfer ausstechen, und es ermöglichen, „die Lausitz besser zu vermarkten“, sagt er.

Die Lausitz vermarktet sich schlechter als sie ist

Das Vermarkten scheint überhaupt das Kernproblem der Lausitz zu sein. Hans Rüdiger Lange ist seit April Geschäftsführer der „Innovationsregion Lausitz GmbH“. Er hat „innovative Unternehmer“ und „findige Technologiepioniere“ gefunden, denen sein Netzwerk nun helfen will, sich auf die eigenen Stärken zu besinnen und in Kooperation mit anderen Unternehmen neue Produkte für neue Märkte herzustellen. Daran arbeitet auch Professor Jörg Steinbach. Der ehemalige Präsident der TU Berlin führt nun die Brandenburgische Technische Universität Cottbus und will vor allem den Gründergeist der jungen Ingenieure wecken. Albrecht Gerber betont am Ende seiner Exkursion: „Vom Tretbootvermieten können wir nicht leben.“ Aber keine Region in seinem Bundesland habe einen stärkeren industriellen Kern als die Lausitz. Hans Rüdiger Lange ist sich sicher, dass sich in der Lausitz viel Neues „nicht nur neben sondern auch nach der Kohle“ entwickeln kann. Die Lausitzer müssten sich das nur zutrauen. Und nicht darauf warten, dass andere ihre Probleme lösen.

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