Berlin : Nach der Entführung der kleinen Celina wird die Sicherheit in Frage gestellt

B. Koch[E. Kogelboom],W. Schmidt

Bisher gibt es keine Spuren des Kleinkindes. Ärzte befürchten durch verschlossenen Türen Hindernisse bei schnell nötiger HilfeB. Koch, E. Kogelboom und W. Schmidt

Das Haus 9/10 wird bewacht. Vor der Abteilung Frauenheilkunde und Geburtshilfe des Krankenhauses am Friedrichshain, aus dem am Wochenende die kleine Celina entführt wurde, steht ein stattlicher Wachmann. Siegfried Veit, ärztlicher Leiter des Krankenhauses am Friedrichshain, sagt: "Auch sonst ist der Wachschutz auf dem Gelände unterwegs und steht an der Pforte. Wir haben ihn jetzt noch verstärkt." Die Ärzte sind erschüttert. Denn auch nach vier Tagen war das Schicksal des Säuglings ungewiss. Die Polizei sagt, die Zahl der Hinweise steige stündlich. 65 waren es allein gestern Nachmittag. Aber darunter sei keiner, der "in eine konkrete Richtung weist", sagte eine Kriminalbeamtin. Am Montag hatte die Polizei eine elfköpfige Sonderkommission eingerichtet, um den am Freitag aus dem Krankenhaus Friedrichshain vermutlich entführten Säugling zu finden. Man ermittle nach wie vor in alle Richtungen, sagte die Beamtin zu diesem bisher einmaligen Fall in Berlin: "Wir wissen nicht, wer oder was dahinter steckt."

Im Krankenhaus am Friedrichshain wird derweil über ein neues Sicherheitskonzept nachgedacht. Womöglich soll der Babyraum eine Videoüberwachung bekommen. Eigentlich sei dies schwer vermittelbar, sagt Veit, wegen der "intimen Momente des Lebens" in diesem Raum. Es sei nun einmal merkwürdig, wenn ein Vater sein Baby zum ersten Mal vor einer Kamera sieht. An der Station muss man auch während der Besuchszeit nun von außen klingeln. "Das war bisher nicht üblich", sagen die Mitarbeiter. Bislang konnte jeder hier ein- und ausgehen.

Gesundheitssenatorin Beate Hübner (CDU) sah gestern keinen Anlass, schärfere Sicherheitsregeln einzuführen oder gar Umbauten in Kliniken vorzunehmen. Das schlimme Verbrechen sei ein extremer Einzelfall, so Hübner-Sprecher Christoph Abele, dem Krankenhaus könne kein Fehlverhalten vorgehalten werden. Es gebe grundsätzlich keine Unterschiede in der Sicherheit von Krankenhäusern, sagten mehrere Klinikchefs übereinstimmend.

Abgeschlossen seien lediglich bestimmte Bereiche in der Psychiatrie oder Kinderklinken, damit kleine Patienten nicht weglaufen können. Besucher müssen hier in der Regel klingeln. Babyzimmer auf Mutter-Kind-Stationen hingegen, wo Friedrichhainer Säugling entführt wurde, seien hingegen nie verschlossen. Diese Stationen seien in den letzten Jahren aufgebaut worden, um die frühere Trennung von Mutter und Kind möglichst vollständig aufzuheben. Nur in Ausnahmefällen kommen die Babys eine Zeit lang ins Babyzimmer, die unter der Obhut der Pflegekräfte stehen.

Das ungewisse Schicksal Celinas bewegt Eltern, Krankenschwestern, Hebammen und Ärzte in allen Berliner Geburtshilfe-Stationen: "Bei der Visite fragen besorgte Mütter, ob auch hier ein Kind gestohlen werden könnte", sagte Oberarzt Ekkehard Guhl im Reinickendorfer Humboldt-Krankenhaus.

Ob eine verschlossene Kinderzimmer-Tür mehr Sicherheit bringen würde, bezweifelt Geburtsmediziner Guhl: "In Notfällen müssen wir sofort beim Kind sein. Wenn die Tür nur mit Chipkarte oder einer Zahlenkombination zu öffnen wäre, enstünde im Zweifel ein Sicherheitsproblem für das Kind, wenn wir nicht sofort ins Zimmer kommen." Im medizinischen Notfall könnte ein "vergessener" Zahlencode oder eine verlegte Chipkarte Soforthilfe verzögern. Auch eine Videoüberwachung der Babyzimmer, wie sie der Grünen-Abgeordnete Bernd Köppl vorschlägt, könne Entführungen nicht ausschließen, heißt es etwa in der Geburtshilfe des Kreuzberger Urban-Krankenhauses: "Wer ein Baby klauen will, der schafft es", sagte Geburtsmediziner Markus Hunold.
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