Nach der Fehlzählung : Wenn Sieger zu Verlierern werden

Für drei Politiker endete die Wahl mit einer Enttäuschung. Sie wähnten sich als Sieger und endeten als Verlierer. Betroffen sind eine SPD-Prominente, ein grüner Ökonom und ein Linker, der Geschichte geschrieben hätte.

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Wahlgewinner: Heinz Buschkowsky, SPD, Bezirksbürgermeister Neukölln. "Hoheitsgebiet" nannte Heinz Buschkowsky (SPD) kurz vor der Wahl sein Neukölln. Recht hat der 63-Jährige behalten, denn in keinem anderen Bezirk schnitt Buschkowskys Partei mit fast 43 Prozent der Stimmen so gut ab. Buschkowsky ist trotz seiner oft provokanten Äußerungen zur Integrationspolitik und einer manchmal allzu direkten Wortwahl nah am Volk. Fast acht Prozent hat die SPD in der Neuköllner BVV dazu gewonnen, die Ära Buschkowsky hat damit einen neuen Höhepunkt erreicht. (eve)Weitere Bilder anzeigen
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21.09.2011 14:34Wahlgewinner: Heinz Buschkowsky, SPD, Bezirksbürgermeister Neukölln. "Hoheitsgebiet" nannte Heinz Buschkowsky (SPD) kurz vor der...

Für die laufenden Sondierungsgespräche mag die Zählpanne nach der Abgeordnetenhauswahl keine direkten Konsequenzen haben. Für die betroffenen Politiker aber wird die durch einen Tagesspiegel- Bericht öffentlich gewordene Verwechslung von Wählerstimmen im Lichtenberger Wahlbezirk 107 zur Tragödie.

Drei Kandidaten von SPD, Linken und Grünen sind nach jetzigem Stand die Opfer der Konfusion. Denn wegen einer Fehlzählung verliert nicht nur die SPD-Direktkandidatin Karin Seidel-Kalmutzki ihr sicher geglaubtes Direktmandat. Um die Mehrheitsverhältnisse im Parlament zu wahren, wird auch Linken und Grünen je ein Mandat wieder abgezogen. Das trifft bei der Linken den bisherigen Landesgeschäftsführer Carsten Schatz, bei den Grünen hätte nach jetzigem Stand der Finanzfachmann Bola Olalowo das Nachsehen. Zumindest Olalowos Schicksal ist allerdings noch nicht ganz besiegelt: Sollte es zu einem rot-grünen Senat kommen und sollten darin gewählte Grünen-Abgeordnete Senatoren oder Staatssekretäre werden, könnten doch noch einige Grüne von der Landesliste nachrücken, darunter auch Olalowo.

So gut wie sicher ist jedoch das parlamentarische Aus für Karin Seidel-Kalmutzki – es sei denn, es tauchen weitere Zählpannen auf. Sollte es beim jetzigen Stand bleiben, verlöre die SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus eines ihrer bekanntesten weiblichen Gesichter. Als Parlamentsvizepräsidentin sah man Seidel-Kalmutzki oft bei Debatten hinter den Rednern sitzen. Auch leitete die frühere Präsidentin des BFC Dynamo den Sportausschuss. Dass sie jetzt nach zwölf Jahren Abgeordnetenhaus ihre Zukunft außerhalb des Parlaments suchen muss, sieht die 51-Jährige sportlich: „Ich gratuliere der Kandidatin der Linken“, sagt sie. Politisch aktiv bleibe sie „natürlich“ weiterhin.

Mit Carsten Schatz bleibt der Linken-Fraktion ein Politiker vorenthalten, der nicht nur zehn Jahre lang als Landesgeschäftsführer die Partei souverän managte, sondern dessen Einzug ins Abgeordnetenhaus auch ein historischer Moment gewesen wäre: Der 41-Jährige wäre der erste offen HIV-positive Politiker in einem deutschen Parlament gewesen, wie Parteisprecher Thomas Barthel sagt. Schatz, der auch im Bundesvorstand der Deutschen Aids-Hilfe arbeitet, hätte eine hohe Kompetenz bei Gesundheitsfragen und der Gleichberechtigung sexueller Orientierungen ins Parlament gebracht. Nun wird er bis auf Weiteres erst mal als Landesgeschäftsführer der Linken weitermachen.

Die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben hat Bola Olalowo. Der 40-Jährige sollte nach den Plänen der Grünen eigentlich auf Renate Künasts Platz im Abgeordnetenhaus rücken, die weiter im Bundestag die Fraktion der Grünen anführen will. Mit ihm wäre die grüne Fraktion im Abgeordnetenhaus um einen Finanz- und Wirtschaftsfachmann verstärkt worden, der unter anderem am Konzept für eine „ökologisch-soziale Modernisierung“ Berlins mitgearbeitet hat. Der gebürtige Stuttgarter, der 1992 nach Berlin kam und in Friedrichshain lebt, steht auf Platz 26 der Landesliste. Er verfügt über gute Verbindungen in Brandenburg, wo er seit 2006 im Potsdamer Wissenschaftsministerium als Referent für Technologietransfer arbeitet. Gerd Nowakowski/Lars von Törne

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