Nach der Germanwings-Katastrophe : Erste Helfer am Gate in Berlin

Flughafenpfarrer und Seelsorger sind da, wenn Angst und Trauer übermächtig werden – nicht nur bei den ganz großen Katastrophen.

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Der Zuhörer. Seit 2008 ist der evangelische Pfarrer Justus Münster Seelsorger an den Berliner Airports.
Der Zuhörer. Seit 2008 ist der evangelische Pfarrer Justus Münster Seelsorger an den Berliner Airports.Foto: dpa

„Am Flughafen merkt man die Betroffenheit besonders“, sagt Justus Münster. Der Pfarrer mit den lockigen Haaren ist Flughafenseelsorger an den Berliner Airports Tegel und Schönefeld. Sein Handy klingelt, wenn Angehörige vergeblich auf einen Reisenden warten, der plötzlich verstorben ist, wenn es im Terminal einen Unfall gab oder Mitarbeiter um Kollegen trauern. Als am Dienstag der Absturz des Germanwings-Flugzeugs gemeldet wurde, bereiteten sich Münster und sein katholischer Kollege, der Jesuitenpater Wolfgang Felber, auf das Schlimmste vor.

Berlin ist immer betroffen

„Wir waren in Bereitschaft“, sagt Münster. „Wenn auf der Welt etwas passiert, sei es eine Naturkatastrophe oder ein Flugzeugabsturz, ist Berlin ja schon durch seine schiere Größe eigentlich stets betroffen: Irgendjemand hat immer Angehörige, die vor Ort waren.“Dieses Mal allerdings blieb es an den Berliner Flughäfen weitgehend ruhig. „Wir mussten zumindest noch keine Todesnachricht überbringen“, sagt Justus Münster am Mittwochmittag.

Das ist eine Aufgabe, die sich die beiden Flughafenpfarrer mit 140 ehrenamtlichen Notfallseelsorgern in Berlin teilen – Münster ist auch der Beauftragte für Notfallseelsorge der evangelischen Landeskirche. In Polizeibegleitung fahren die Ehrenamtlichen und Pfarrer dann meist los, klingeln an den Türen von Angehörigen oder Freunden – machen den Besuch, den niemand gerne machen will.

Man spürt die Ohnmacht

Oft merkten gerade Mitarbeiter am Flughafen schnell, wenn es keine Hoffnung mehr gebe, sagt Justus Müller: „Man spürt die Ohnmacht, das Ausgeliefertsein bei so einem Unglück.“ Selbst hat Münster das besonders nach dem Absturz des Rosinenbombers, der für Rundflüge am Flughafen Schönefeld stationierten DC3, gemerkt. „Da ist zum Glück niemand ums Leben gekommen“, sagt er. „Aber mir ist bewusst geworden, wie schnell sich so eine Katastrophe auch am eigenen Flughafen ereignen kann.“

Am Dienstag nahmen Münster und sein katholischer Kollege umgehend Kontakt zur Berliner Station der Germanwings auf: „In so einem Unternehmen gibt es immer jemanden, der einen kennt, der mit an Bord war“, sagt Münster. „Wir haben den Mitarbeitern angeboten, dass sie sich an uns wenden können, wenn sie mit jemandem reden wollen.“

Dass es Germanwings-Crews gibt, die nach dem Absturz nicht mehr fliegen wollen, versteht der Berliner Pfarrer. „Es ist nicht nur wegen der unklaren Unfallursache eine belastende Situation, wenn es Kollegen aus demselben Unternehmen getroffen hat. Aber bei Germanwings wissen sie, wie sie uns erreichen.“

Seelische Nöte sind tabuisiert

Auch der Geschäftsführer der Berliner Telefonseelsorge, Anselm Lange, hat Respekt vor Piloten oder Stewardessen, die sich entscheiden, nicht zu fliegen. „Das zeugt von Verantwortung – gerade weil der Bereich von seelischen und psychischen Nöten in unserem Alltag so tabuisiert ist. Zu wissen, dass auch gestandene Piloten Ängste haben, hilft vielleicht auch jenen, die sich wegen ihrer eigenen Ängste schämen.“

Wie immer bei großen Unglücken oder anderen emotionalen Anlässen rufen noch mehr Menschen als sonst bei der Telefonseelsorge (0800 1110111) an. „So ein Ereignis verstärkt bei vielen vorhandene Ängste“, sagt Lange: „Für unsere Mitarbeiter ist das auch eine Bestätigung. Sie stehen sonst meist unauffällig an der Seitenlinie, aber an solchen Tagen wird deutlich, wie gut es ist, dass da jemand in der Not an der Seitenlinie steht.“

3000 Gespräche im Jahr

Das gilt auch für die Berliner Flughafenseelsorger. Rund 3000 Gespräche führen sie im Jahr. Mit Angehörigen von Unfallopfern, aber auch mit Reisenden, die beim Umsteigen in Berlin gestrandet sind. Für ein perfektes Angebot fehlt den Berliner Flughafenpfarrern allerdings noch eines: die eigene Kapelle. Derzeit nämlich verfügen sie nur über kleine Büros in den Terminals der Flughäfen Schönefeld und Tegel. „Die Kapelle ist fertig“, sagt Justus Münster. „Aber sie liegt leider Gottes im BER – und den kann man ja noch nicht als Flughafen bezeichnen.“

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