Berlin : Nach der Loveparade 2000: Bye bye, Ekstase (Kommentar)

Christian Schröder

Ihren politischen Höhepunkt erreichte die Love Parade, wie immer, zur allerbesten "Tagesschau"-Zeit. Gegen 20 Uhr betrat Dr. Motte eine am Fuße der Siegessäule aufgesockelte Tribüne, um seine Ansprache an das Techno-Volk zu richten. "Back to the roots", begann er seine Rede, dann folgte nur noch ein kurzer Satz: "Unsere Welt ist Klang." Anschließend hob der gelernte Betonfacharbeiter eine gewaltige Südseemuschel an die Lippen und blies kräftig hinein: Törööööt. Viele Zuhörer, darunter auch die Reporter des übertragenden Fernsehsenders, verstanden allerdings etwas anderes: "Unsere Welt ist krank."

Unsere Welt ist krank: eine durchaus zutreffende Diagnose, wenn man sie auf Dr. Mottes Welt bezieht. Im 11. Jahr ihres Bestehens machte die Love Parade einen gesundheitlich angeschlagenen Eindruck. 800 000 Menschen - die Veranstalter sprachen von 1,2 Millionen - kamen zusammen, um zum Stakkato der Techno-Beats durch den Berliner Tiergarten zu ziehen. Im letzten Jahr waren es noch 1,5 Millionen gewesen. Bis jetzt schien es ein Naturgesetz zu sein, dass jede Love Parade größer, schriller, lauter sein müsse als ihre Vorgängerin. Anfangs, anno 1989, tanzten gerade mal 300 Avantgardisten hinter einem Lkw mit aufgehängten Lautsprechern über den Kudamm her. Später folgte ein stetig wachsendes Millionenheer dem Zug der Techno-Trucks. Die Qualität der Love Parade war ihre Quantität: Je größer die Masse, desto schöner die Lust, in ihr zu verschwinden.

Techno hat nur eine Botschaft: Tanz bis zur Trance und hab Spaß dabei. Bei der Love Parade gibt es eine Pflicht zur guten Laune. Selten aber sah man mehr trübe Gesichter beim Techno-Karneval als in diesem Jahr. Und so früh wie diesmal auseinander gebröckelt ist die Raver-Gemeinde auch noch nie. Möglicherweise hat sich die Love Parade zu Tode gesiegt: ähnliche Techno-Umzüge gibt es inzwischen auch in Wien, Leeds und Paris, selbst in Mexiko-City. Vor allem ist der Love Parade eines abhanden gekommen: ihre Feinde. Nicht mal mehr Umweltschützer protestieren noch. Und im Konsens lässt es sich schlecht ekstatisch sein.

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