Berlin : Nach der Schule geht’s noch härter zu

Der neueste Bericht zeigt nur einen kleinen Ausschnitt der Jugendgewalt

Katja Füchsel

76 Prozent – das war die Zahl, die am Mittwoch die Stadt aus ihrer vorweihnachtlichen Stille riss. Um 76 Prozent ist die Zahl der Gewaltdelikte an den Berliner Schulen gestiegen, innerhalb nur eines Jahres. Das klingt gewaltig, liegt aber laut Schulsenator Jürgen Zöllner (SPD) vor allem daran, dass die Lehrer inzwischen die Gewaltexzesse ihrer Schüler viel öfter melden. Zum Glück, wie Polizisten und Staatsanwälte finden. „Langsam kommt man dazu, die Wirklichkeit abzubilden“, sagt ein Ankläger. Früher hätten viel mehr Pädagogen dazu tendiert, solche Vorfälle unter den Teppich zu kehren.

Ansonsten können die neu vorgelegten Zahlen die Berliner Ermittler kaum aus dem Gleichgewicht bringen: 1573 Vorfälle haben die Schulen 2005/06 registriert, und das heißt: Jede Schule meldete im Durchschnitt 1,6 Gewaltvorfälle, die sich in den Klassenräumen, auf dem Schulweg oder auf Ausflügen ereignet haben. Im Vergleich: Insgesamt 32 764 Verdächtige unter 21 Jahren gerieten im Jahr 2005 ins Visier der Berliner Polizei. Gegen rund 3400 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren würde wegen Körperverletzung ermittelt, gegen rund 1600 wegen Raubdelikten. Was beweist: Die Schulen gehören in der Stadt noch immer zu einem eher geschützten Bereich.

Aus der Schulstatistik lässt sich aber eine Tendenz ablesen, die auch den Ermittlern Sorge bereitet: In vielen ärmeren Kiezen mit hohem Ausländeranteil werden die Gewalttäter immer jünger und zunehmend brutaler. Während die allgemeine Kinderdelinquenz seit Jahren abnimmt, stieg 2005 laut Polizeistatistik die Zahl der verdächtigten Kinder ausländischer Herkunft auf 1424 – Tendenz steigend. „Bei Delikten wie Raub und schwere Körperverletzung sind Jugendliche mit Migrationshintergrund weit überproportional beteiligt“, sagte Innensenator Körting einige Tage zuvor und legte die neuesten Zahlen zur Jugendgruppengewalt vor: Im ersten Halbjahr 2006 nahm der Anteil der deutschstämmigen Gewalttäter um 0,4 Prozent ab. Der Anteil der Straftäter türkischer Herkunft nahm um 2,5 Prozent zu. Bei den Jugendlichen aus dem Libanon gibt es eine Zunahme um rund 70 Prozent, bei Jugendlichen aus dem ehemaligen Jugoslawien sind es mehr als 30 Prozent.

Dieser Trend findet sich auch im Bericht des Schulsenators wieder: In den Grundschulen stieg die Zahl der Vorfälle von 198 auf 501. Und die meisten Meldungen kommen, ähnlich wie bei der Polizei, aus Regionen mit schlechter Sozialprognose und hohem Ausländeranteil, also etwa aus Wedding, Kreuzberg und Neukölln. Hier hört man dieselben Klagen von Polizei und Pädagogen: Über Schüler, die keine Autoritäten akzeptieren. Über Eltern, die die Werte dieser Gesellschaft verachten und die Kinder in ihrer Aufsässigkeit weiter bestärken. Noch eines verbindet die Senatoren Körting und Zöllner: Beiden fehlt das Patentrezept. Um das Problem in den Griff zu bekommen, wollen Polizei, Justiz und Schulen künftig besser zusammenarbeiten.

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