Berlin : Nach der Tat suchte die Frau weiter den Kontakt mit dem Mann

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Er spricht von Liebe und gemeinsamer Zukunft, sie von Vergewaltigung. Der Mann tänzelt nervös hinter der Balustrade der Anklagebank. Er will es nicht glauben, dass die Frau, mit der er "Händchen gehalten und tiefe Erfahrungen gemacht" hat, so weitreichende Vorwürfe gegen ihn erhebt. "Ja, es gab Bisse und Kratzer, aber mehr ekstatisch gesehen. Sie war 50 Prozent aktiver als ich", sagt er und hebt ratlos die Schultern: "Ich habe nicht damit gerechnet, dass so ein Müll dabei herauskommt."

Nach der Version des Angeklagten war der 24. Juni 1999 ein Tag stundenlanger Liebesspiele zwischem ihm und der 23-jährigen Nadine H. aus Neukölln. Er traf sie an der Kurfürstenstraße in Tiergarten und überredete sie, mit in seine Wohnung in Schöneberg zu kommen. Dort rauchten beide gemeinsam einen Joint und anschließend geschah etwas, das der Angeklagte als "Sadomaso-Praktiken" beschreibt. "Ich habe ihr keine Gewalt angetan, aber wir waren sehr wild. Ich habe sie geliebt, wieso sollte ich sie verletzen", sagt er. Offenbar jedoch nicht nur wild, sondern auch laut. Am späten Nachmittag klopfte ein Nachbar an die Tür, der die Schreie gehört hatte.

Nadine H. wird in der Anklageschrift als Person bezeichnet, die der Prostitution nachgeht. Nachfragen dazu weist sie zurück. Sie tritt in den Zeugenstand und berichtet, wie sie den 24. Juni erlebt hat. Er habe sie überredet, mit in seine Wohnung zu kommen, sagt sie und erinnert sich an die stark betäubende Wirkung eines Joints: "Da bin ich total weggetreten." Am Anfang habe sie ein bisschen mit ihm gespielt. Der Mann habe sie schließlich ausgezogen, festgehalten und mehrfach vergewaltigt. "Er legte mir einen Gürtel um den Hals, ich hatte fünf Minuten lang Atemnot", sagt die junge Frau, die in der Wohnung Bisse und Schürfwunden davontrug. Nach dem Vorfall gingen beide gemeinsam zu einem Imbissstand in der Bülowstraße, wo er ihr eine Erdbeermilch spendierte. Als ein Bus kam, sprang sie auf und fuhr vor ihm davon. Erst später ging sie auf Initiative eines Bekannten zur Polizei und zeigte den Angeklagten an. Doch auch nach der Anzeige gab es Treffen, zum Beispiel im Café "Dillgurke" in der Kurfürstenstraße. "Ja, wir haben Händchen gehalten. Ich wollte, dass er Reue zeigt und sich bei mir entschuldigt", sagt die junge Frau. Der Angeklagte entschuldigte sich aber nicht, so sei es bei der Anzeige geblieben. "Er glaubt, dass er sich einfach jede Frau nehmen kann", sagt sie, und das Ganze scheint ihr keineswegs gleichgültig gewesen zu sein.

Als der Angeklagte längst in Untersuchungshaft saß, hat sie vergeblich eine Besuchserlaubnis beantragt. "Ich wollte wirklich nicht, ich schlug um mich", sagt sie. Aber sie räumt ein, dass sie nicht sicher sei, "ob ich ihm meine Abneigung deutlich gemacht habe". Der Prozess wird am 22. März fortgesetzt.

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