Berlin : Nach der Todesfahrt: Die Täter schweigen Die Spreestadt bekommt ihren Eckpfeiler

Die beiden Jugendlichen, die mit gestohlenem Rettungswagen eine Frau töteten, sind wieder zu Hause. Sozialarbeiter schalten sich ein Grundsteinlegung für Hochhaus am Bahnhof Tiergarten: Ein neues Stadtviertel nimmt Gestalt an

Tanja Buntrock,Frauke Herweg

Von Tanja Buntrock

und Frauke Herweg

Was die beiden Jugendlichen getrieben hat, ist dem Johanniter-Kreisvorstand Andreas Schiemenz immer noch unklar. Benjamin G., 17 und Christian J., 15, hatten mit einem gestohlenen Johanniter-Rettungswagen am frühen Sonntagmorgen viel Leid über die Familie S. gebracht. Murat und Ayse S. saßen in dem Kleintransporter, den die Jungen auf ihrer nächtlichen Fahrt mit Blaulicht und Martinshorn gerammt hatten. Dabei starb die Mutter von zwei kleinen Kindern, ihr Mann wurde schwer verletzt. Sein Zustand hat sich nach Aussagen eines Krankenhaus-Sprechers inzwischen stabilisiert. Um die beiden Kinder – acht und elf Jahre alt – kümmert sich ein Onkel.

Seit einem Jahr engagiert sich Christian J., der auf dem Beifahrersitz des gestohlenen Wagens saß, bei der Johanniter-Jugend. „Er wollte Rettungsdienstmitarbeiter werden“, sagt Kreisvorstand Schiemenz. Nach dem Tod von Ayse S. haben die Johanniter Kontakt mit der Familie aufgenommen und ihr Hilfe angeboten. Wie diese aussehen kann, lässt Schiemenz offen.

Benjamin G. ist am Mittwoch nicht zu sprechen. Die Gardine in der Mariendorfer Parterrewohnung im Achtfamilienhaus zuckt, aber nach dem Klingeln öffnet niemand. Nicht ganz zwei Tage ist es her, dass der 17-Jährige und sein Kumpel Christian J. gestanden haben. Die Polizei schickte sie nach den Vernehmungen wieder nach Hause, weil keine Fluchtgefahr besteht. Benjamins Familie sei immer sehr unauffällig gewesen, sagt eine Nachbarin. Christian J. hat den gestrigen Nachmittag mit seiner Mutter beim Anwalt verbracht. Das erzählt Christians Großvater. Er hat alle Jalousien im Haus, in dem er gemeinsam mit Christians Familie wohnt, heruntergelassen. Er wolle nichts sagen, was seinem Enkel schaden könnte. Die Nachbarin gegenüber ist schockiert. Auch ihr ist kürzlich aufgefallen, dass Christian in Sanitäterkleidung herumgelaufen ist. „Ich wunderte mich nur. Fand es aber toll, weil ich dachte, er habe dort einen Job.“

Nun droht den beiden eine Anklage wegen fahrlässiger Tötung, Körperverletzung, Fahrerflucht, Fahren ohne Führerschei, schweren Diebstahls und gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr ein. Auf letzteres steht eine Haftstrafe von mindestens einem Jahr, für die fahrlässige Tötung eine Höchststrafe von bis zu fünf Jahren. Es gilt das Jugendstrafrecht – die Strafen können deshalb milder ausfallen. Offen ist, ob der 17-jährige Fahrer härter bestraft wird. Kommt der Richter zu dem Schluss, dass beide nach einem gemeinschaftlich ausgeheckten Plan gehandelt haben, könnte er gleich hohe Strafe verhängen.

Dem Jugendamt ist Benjamins Familie bislang nicht aufgefallen. Er soll aber aus schwierigen Familienverhältnissen kommen: Die Mutter, so wird berichtet, habe ihn und seinen Bruder verlassen. Zudem soll er Probleme in der Schule haben. Jugendstadträtin Angelika Schöttler (SPD) sagt, dass Benjamin „in den nächsten Tagen“ Besuch von Amtsmitarbeitern bekommt.

Von Holger Wild

Lange hörte man nichts aus der „Spreestadt“. Jetzt aber geht es Schlag auf Schlag zwischen Landwehrkanal und Spree. Vor zwei Wochen feierten die Investoren des „Quartiers am Salzufer“ Richtfest für ein Bürogebäude, am Mittwoch wurde der Grundstein für ein Hotel- und Bürohochhaus am S-Bahnhof Tiergarten gelegt, in vier Wochen folgt das nächste Richtfest, ebenfalls für ein Bürogebäude im „KPM-Quartier“.

Halt… Spreestadt? Quartier am Salzufer? KPM-Quartier? Hier müssen einige Begriffe geklärt werden. Spreestadt – das ist, mit dem Bereich um den Ostbahnhof, das größte innerstädtische Entwicklungsgebiet Berlins. Von der Franklinstraße im Westen reicht es bis zur S-Bahn im Osten, von der Spree im Norden bis zum Salzufer am Landwehrkanal im Süden (siehe nebenstehende Grafik). 250 000 Quadratmeter, eine Fläche, etwa zweieinhalbmal so groß wie das Daimler-Chrysler- und das Sony-Areal am Potsdamer Platz zusammen. 1999 beschloss der Senat, das historisch durch industrielle Nutzung – vor allem durch Siemens – geprägte Gebiet zu einem neuen Viertel für Gewerbe und Büro und Wohnen zu machen.

Das „KPM-Quartier“ bildet dabei den östlichen Abschnitt zwischen S-Bahn und Englischer Straße, in dessen Mitte die denkmalgeschützten Ziegelbauten der Königlichen Porzellan-Manufaktur (KPM) liegen. Hier baut die Bavaria. Im mittleren Abschnitt bis zu der neu angelegten Hannah-Karminski-Straße entstehen Projekte im Auftrag der Immobilientochter von Daimler-Chrysler; hier wurde als erster Neubau der Spreestadt im Sommer 2000 die Mercedes-Welt am Salzufer eröffnet. Im westlichen Abschnitt schließlich haben sich die Unternehmen IVG, Provinzial Feuer-Baubetreuungs GmbH und Tercon als Bauherren des „Quartiers am Salzufer“ zusammengeschlossen. Ein vierter Investor, der am äußeren Ende der Spreestadt an der Franklinstraße ein Grundstück der Technischen Universität bebauen könnte, wird dagegen noch gesucht.

In allen drei Bereichen wird auch bereits gebaut; wann aber die Gesamtplanung realisiert sein wird, ist heute nicht abzusehen. Alle Investoren haben sich entschieden, die Wohnhäuser ihres Areals vorerst nicht in Angriff zu nehmen. Diese sind jeweils nördlich des Straßenzuges Wegely-/Gutenbergstraße vorgesehen und zur Spree ausgerichtet. Doch selbst für hochwertiges Wohnen am Wasser sehen die Bauherren derzeit keinen Markt.

Doch, so drückt es Rainer Latour, der Leiter des Stadtplanungsamtes Charlottenburg, aus: „Die Leitprojekte sind in der Realisierung.“ Vor allem natürlich das Hochhaus am S-Bahnhof – genauer an der Ecke Bach- und Straße des 17. Juni –, 17 Geschosse hoch und gleichsam der Eckpfeiler am KPM-Quartier: Das Gebäude soll im Frühjahr 2005 fertig sein, mit einem Vier-Sterne-Plus-Hotel der Sofitel-Gruppe in den ersten sieben Stockwerken und 4500 Quadratmetern Bürofläche im darüber liegenden Turm. Direkt dahinter werden schon im Sommer 2004 Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung und Deutsche Krankenhausgesellschaft zwei Gebäude beziehen. Zur gleichen Zeit wird auch beiderseits eines Wohnhauses in der Englischen Straße ein Bürohaus fertig, das von Daimler-Chrysler selbst genutzt wird; ebenso wird im Salzufer-Quartier neben dem umgebauten Zwietusch-Haus von 1926 ein Bürohaus übergeben.

Für die Gewerbeimmobilien an Englischer und Gutenbergstraße aber werden die Nutzer noch gesucht. Gebaut wird erst, wenn 50 Prozent der Flächen vermarktet sind.

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