Berlin : Nach fünf Jahren wohnen 2 000 Menschen im brandenburgischen Wünsdorf

Claus-Dieter Steyer

Handschlag, Schulterklopfen, Umarmung und ein angedeuteter Kuss auf die Wange: Wie in alten Zeiten begrüsste Ministerpräsident Manfred Stolpe gestern auf historischem Boden einen "lieben und teuren Gast". Matwej Burlakow, der heute vor fünf Jahren, am 31. August 1994, als letzter Oberkommandierender der in Ostdeutschland stationierten russischen Armee in die Heimat zurückgeflogen war, kehrte gestern an seine alte Wirkungsstätte zurück. "Nichts erinnert mehr an einen Militärstandort. Es ist eine ganz normale Stadt geworden", sagte Burlakow nach einem Rundgang durch das 30 Kilometer südlich Berlins gelegenen frühere Kasernengelände Wünsdorf. In fünf Jahren sei allerhand passiert, meinte der 1994 zum stellvertretenden Verteidigungsminister ernannte und kurze Zeit später wegen nie ganz geklärtem Korruptionsverdacht in den Ruhestand versetzte Ex-General.

Stolpe erinnerte in Sichtweite der großen Lenin-Statue vor dem Haus der Offiziere an "viele vertrauensvolle Gespräche" zwischen Burlakow und ihm. Als die Mauer gefallen und später die deutsche Einheit vollzogen worden sei, wären noch Hunderttausende russischer Soldaten in Ostdeutschland stationiert gewesen. Deshalb könne man dem damaligen Oberkommando unter Burlakows Führung nur für seine besonnene Zurückhaltung danken. Es sei heute noch bewundernswert, mit welcher Präzision der Truppenabzug erfolgt sei.

Allein in Wünsdorf lebten zwischen 35 000 und 40 000 Soldaten, Offiziere und Familienangehörige. Sie nutzten größtenteils die Anfang der dreißiger Jahre für die Wehrmacht entstanden ober- und unterirdischen Gebäude und den benachbarten Truppenübungsplatz. Ab 1939 gehörte Wünsdorf zu den wichtigsten Kommandozentralen des Krieges. Der Plan "Barbarossa" zum Überfall auf die Sowjetunion war hier ausgearbeitet worden.

Nach dem Abzug der russischen Armee, die 1953 ihr Oberkommando eingerichtet hatte, begann das Rätselraten über die Zukunft des 590 Hektar großen Geländes. Nicht wenige Stimmen selbst aus der Landesregierung sprachen von einem Abriss aller Gebäude als einzige Lösung. "Glücklicherweise haben sich damals andere Meinungen durchgesetzt und die Sanierung vorangebracht", sagte der erste Landesbeauftragte und heutige Chef der Bücherstadt, Wolfgang Metz.

Rund 2000 Menschen wohnen heute in den aufwendig renovierten Häuser der Soldaten und Offiziere, darunter 180 Rußlanddeutsche. Insgesamt sind die Sanierung von 3500 Wohnungen und der Neubau von 700 Wohnungen geplant. Auch der Umzug von Landesbehörden kommt nach den Worten von Metz voran.

Bisher sind hier rund 1000 Arbeitsplätze eingerichtet worden. Dennoch ist erst ein Drittel der Pläne verwirklicht worden. 480 Millionen Mark sind bisher investiert worden, 1,7 Milliarden Mark sollen es einmal sein. Die erste deutsche Bücherstadt mit 14 Antiquariaten hat dem ehemaligen Kasernen-Gelände einen neuen Charakter verliehen. Matwej Burlakow staunte: "Es stehen viele Bücher in russisch in den Regalen. Man hat uns also doch noch nicht vergessen."

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