Berlin : Nach Gutsherrenart

Die Webers aus Charlottenburg lebten zwei Monate wie im Jahr 1900

Thomas Loy

Regina Weber, Gutsherrin, Ärztin und sechsfache Mutter, kann vergleichen wie sich das Leben heute anfühlt und vor 100 Jahren. Als Gutsherrin hatte sie Bedienstete, Zeit und eine solide wirtschaftliche Basis, heute fehlt ihr all das. Vor allem vermisst sie die „innere Ruhe“ der Gutsherrin Regina Weber.

Heute Abend läuft Teil zwei der neuen Serie „Abenteuer 1900 – Leben im Gutshaus“ in der ARD. Die Charlottenburger Familie Weber und einige Laienschauspieler begeben sich auf eine Reise in die Kaiserzeit. Sie durchleben den Alltag auf einem Gutshof. Zwei Monate lang, dann mussten sie zurück in die Gegenwart. Das Konzept wurde vor zwei Jahren erstmals ausprobiert, im „Schwarzwaldhaus“. Der Erfolg war so groß, dass die Familie aus ihren Erfahrungen ein Buch machte. Das haben Webers bisher nicht vor

Die Gutsherren hatten doch einige Probleme, sich einzuleben in der Vergangenheit. Frau Weber krachte mit der Mamsell zusammen (gespielt von Gastronomin Sarah Wiener), weil sie der Gutsfrau die Küche versperren wollte. Ansonsten langweilte sie sich, weil nichts zu tun war, was ihr unter normalen Umständen ein schlechtes Gewissen macht. Herr Weber musste feststellen, dass die Gutsherrschaft samt Kindern vom Regisseur vornehmlich dazu „instrumentalisiert“ wurde, das Leiden des unterdrückten Personals zu illustrieren. Selbst ihre beiden Hunde wurden nur dann gefilmt, wenn sie dem Gesinde Arbeit machten. „Ich hatte mir vorgenommen, ein strenger und gerechter Gutsherr zu sein. Mit der Zeit wurde ich immer griesgrämiger.“

Herr Weber ist Gefäßchirurg mit eigener Praxis, seine Frau versorgt die sechs Kinder. Die Zeit, sich mal um etwas anderes als Beruf, Familie und Finanzangelegenheiten zu kümmern, haben sie kaum. „Wir haben massive finanzielle Probleme“, sagt Frau Weber. Die Praxis wirft nicht genug ab, um sechs Kinder und ein Haus zu finanzieren. Zur Gutsherrenzeit war das natürlich völlig anders, und deshalb sagt Herr Weber im Duktus des Anklägers: „Ich empfinde mein heutiges Dasein als kümmerlich, verglichen mit damals.“ Mit sechs Kindern gehörte man um 1900 zur Norm, um 2004 ist man Randgruppe. Frau Weber erzählt dazu eine Geschichte: Als sie das Gut verließen, musste sie mit einem Sohn zu einer Spezialbehandlung in die Schweiz. Da es keine Verwandten gibt, suchte sie nach einer Betreuung für ihre übrigen Kinder. Die Aufgabe übernahm schließlich eine gute Bekannte – das Stubenmädchen Svenja vom Gutshof.

Das wahre Leben einer Gutsherrschaft, ohne Kamera und Inszenierung, hat den Webers schon gefallen, auch den Kindern. Ansgar, elf Jahre alt, vermisste seine Freunde, aber nicht Fernseher oder Gameboy. Als alles vorbei war, verabschiedeten sie sich traurig vom Gesinde. So ein Landleben in einer festen Gemeinschaft, das gibt es in ihrer realen Welt nicht.

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