Berlin : Nach ICE-Pannen nimmt die Bahn noch mal Maß

Verkehrsunternehmen prüft, warum es auf der Schnellfahrstrecke nach Hamburg immer wieder am selben Ort Störungen gibt

Klaus Kurpjuweit

Für die Bahn ist es noch rätselhaft. Die Experten können sich bisher nicht erklären, warum es auf der neuen Schnellfahrstrecke zwischen Berlin und Hamburg ausgerechnet im Bereich des Bahnhofs Ludwigslust immer wieder zu Pannen an der Oberleitung kommt, die zu Verspätungen führen. Die jüngste gab es, wie berichtet, am Dienstag. Neue Messfahrten sollen jetzt weiter helfen.

Jede Panne auf dieser Strecke tut besonders weh, denn die Verbindung ist eines der Lieblingsprojekte von Bahnchef Hartmut Mehdorn. Als die Bahn mit schnellen Zügen den Transrapid, dessen Bau sich zerschlagen hatte, ersetzen sollte, hatte Mehdorn verkündet, dass sein ICE die 287 Kilometer in 90 Minuten zurück legen könne. Der Transrapid hätte etwa eine Stunde benötigt.

Deshalb musste die Bahnstrecke, die bereits grundsaniert war, für weitere 650 Millionen Euro für Tempo 230 ausgebaut werden. Vorher waren nur 160 km/h als Höchstgeschwindigkeit möglich. Unter anderem musste deshalb auch die Oberleitung an die höheren Geschwindigkeiten angepasst werden.

Im Bahnhof Ludwigslust blieben die Oberleitungsanlagen aber unverändert. Eine Anpassung sei hier nicht erforderlich gewesen, weil die Züge den Bahnhof wegen einer engen Kurve ohnehin nur mit maximal 160 km/h durchfahren dürfen. Und die Oberleitung dort sei sogar für Tempo 200 zugelassen.

Möglicherweise entstehen aber beim Übergang von der neuen auf die alte Anlage Probleme. Die Pannen passierten jeweils vor der Einfahrt in den Bahnhofsbereich aus beiden Richtungen. Selbst am Premierentag für die Aufnahme der Schnellfahrten am 12. Dezember blieb hier ein ICE liegen – unmittelbar vor dem offiziellen Eröffnungszug mit Hartmut Mehdorn an Bord.

Die Störung an diesem Tag sei zweifelsfrei durch einen defekten Isolator verursacht worden, sagte ein Bahnsprecher. Bei den weiteren Pannen am 30. Dezember und am Dienstag könne man zur Ursache noch nichts sagen. Die Ergebnisse der Messfahrt würden jetzt ausgewertet. Bei der Fahrt wurde das Verhalten der Oberleitung unter anderem auch per Videokamera überwacht. Dabei seien keine auffälligen Schwingungen festgestellt worden, so ein Sprecher.

Das Zusammenspiel von Oberleitung und Stromabnehmer auf den Zügen ist ein komplizierter Vorgang. Der Stromabnehmer „tanzt“ regelrecht unter den Leitungen, die zick-zack-förmig über den Gleisen gespannt sind. Werden die Schwingungen zu groß, trennt sich der Stromabnehmer automatisch von der Leitung, und der Zug bleibt stehen. Dabei könne es dann auch zu Kurzschlüssen in der Oberleitung kommen, sagte ein Experte.

Die Bahn prüft aber auch, ob die Defekte mutwillig verursacht worden sind. Hierfür gebe es derzeit aber keine Anhaltspunkte, sagte ein Sprecher. Und eine Gefahr für Fahrgäste gebe es auch nicht. Im schlimmsten Fall blieben die Züge stehen. Das ist dann schlimm: für die Fahrgäste, die zu spät ankommen – und für das Prestige von Bahnchef Hartmut Mehdorn.

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