Berlin : Nach Justins Tod: Kapuzen mit Kordeln fliegen aus dem Sortiment

Sigrid Kneist,Christine-Felice Röhrs

Für Kinderkleidung gelten bald neue Sicherheitsstandards. Von der Herbst-Winter-Kollektion 2001 / 2002 an sollen Jacken, Kapuzenpullis und Anoraks mit Kordeln oder Schnüren, an denen sich Kinder strangulieren könnten, nicht mehr in den Handel kommen. Dazu haben sich Textilindustrie und Einzelhandel verpflichtet. Gleichzeitig forderten gestern das Landesamt für Gesundheitsschutz (LaGetSi) und die Unfallkasse Berlin Eltern auf, Risiken zu minimieren und auf Kleidungsstücke mit Kordeln für ihre Kinder zu verzichten. Vor knapp zwei Wochen war auf einem Kita-Spielplatz ein zweieinhalbjähriger Junge tödlich verunglückt: Er war mit seiner Anorakkordel an einer Rutsche hängen geblieben und erstickt.

In anderen Ländern, beispielsweise den USA, Großbritannien und Schweden, sind Kordeln an Kleidungsstücken zur Sicherheit der Kinder schon seit einigen Jahren verboten. Dort dürfen nur noch nicht-reißfeste Schnüre verwendet werden. Die Gefahren sind bekannt: Immer wieder hatte es schwere Verletzungen oder tödliche Unfälle von Kindern gegeben. Gefahren drohen nicht nur beim Spielen auf Klettergeräten oder Rutschen. Schnüre können sich auch in den Türen eines Busses oder einer U-Bahn oder auch in einer Rolltreppe verfangen und dadurch schlimme Unfälle verursachen.

In Deutschland befasste sich im November 1999 die Kinderkommission des Bundestages mit dem Problem und forderte die Textilindustrie zu der freiwilligen Selbstverpflichtung, keine gefährliche Kordeln mehr zu verwenden. Dazu bekannten sich die deutschen Kleidungshersteller und -händler auch. Gleichwohl will die Kinderkommission eine EU-Norm anstreben.

Schon heute sind die gefährlichen Kordeln an Kinderbekleidung seltener zu finden. Ein Blick in die Auslage der Prenatal-Filiale am Kurfürstendamm zeigt: keine Schnüre am Halsausschnitt der Jacken. Statt dessen halten Gummizüge die Kapuzen schön eng ums Gesicht. "Früher hatten wir auch Jacken mit Bändern am Hals. Aber da man häufiger von Unfällen hört, bei denen sich Kinder mit der Kordel würgen, wurden die durch Gummiband ersetzt", sagt Filialleiterin Jacqueline Albrecht. Beim KaDeWe achteten die Einkäufer von Kinderkleidung auf Sicherheit, sagt Sprecherin Dagmar Flade. Anoraks oder Pullis, deren Kapuze mit einer Kordel geschlossen werde, seien nicht mehr im Verkauf.

Auch bei H&M, dem schwedischen Hersteller modischer Massenware, findet sich kein Pullover und keine Jacke mit Bändern am Hals, die Kinder beim Verklemmen oder Hängenbleiben ersticken lassen könnten. Einzig der Anorak "Baby" für 34,90 Mark wird mit einem Band geschnürt - unten am Saum. Bei C&A allerdings hängt im Kleiderständer noch die Regenjacke "Athletic Club" für 24,90 Mark, die eine stabil gedrehte Kordel hat, mit der der Halsausschnitt gegen Wind und Wetter zusammengezogen werden kann. Das sei "unter Tausenden das einzige derartige Kleidungsstück", sagt die Teamleiterin der Kinderabteilung Annett Körber. Sie weiß das genau: Der Manager hatte sich nach den Zeitungsberichten über den tödlichen Kinderunfall das Sortiment zeigen lassen. "Die Regenjacke hat er mitgenommen, um sie den Einkäufern als Negativbeispiel zu zeigen." Das Modell wird es hier nicht mehr lange geben.

Die gesetzliche Unfallversicherung, die Unfallkasse Berlin, in der auch die Kita-Kinder versichert sind, rät Eltern, bei der Kleidung ihrer Kinder auf Sicherheit zu achten. Zu weite Bekleidungsstücke könnten beispielsweise beim Sport zu Unfällen führen. Ein Risiko stelle auf dem Spielplatz auch das Tragen des Fahrradhelms dar. "Beim Klettern kann er zum Verhängnis werden", heißt es in einer Mitteilung der Unfallkasse. Die Spielgeräte seien an den Körpermaßen der Kinder ausgerichtet. Mit einem Helm könnten die Kleinen leicht hängenbleiben. Folge sind schwere Verletzungen an der Halswirbelsäule.

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