Nach Keimbefall : Frühgeborene unter Beobachtung

Die Virchow-Abteilungen nehmen wieder Babys auf. Der Keimbefall wird weiter untersucht. Ein erster Qualitätsvergleich der Frühchen-Versorgung in der Region wird möglich.

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Was ist schiefgelaufen bei der Hygiene auf der Frühchenstation? Dieser Frage ging am gestrigen Freitag der Aufsichtsrat der Charité nach, der sich wegen des jüngsten Keimbefalls auf der Station im Virchow-Klinikum zu einer Sondersitzung traf. Das medizinische Personal sei für den fachlichen Umgang mit dem Ausbruch gelobt worden, sagt Klinikumssprecherin Stefanie Winde. Man habe aber auch darüber gesprochen, dass mehr Personal für die Frühchenstation eingestellt werden solle, heißt es aus dem Gremium. Am 6. Dezember soll der Abschlussbericht der Komission vorliegen, die die Ursachen für die Ausbreitung der Serratien-Keime untersucht.

Am Abend teilte die Charité mit, dass der wegen des Keimbefalls verhängte absolute Aufnahmestopp für die Frühgeborenenabteilung am Virchow-Klinikum aufgehoben sei. Da aber noch immer elf Kinder wegen einer Infektion oder Besiedlung mit den Keimen isoliert versorgt werden müssen, sei die Möglichkeit, neue Patienten aufzunehmen, für die Station weiterhin eingeschränkt.

Auch auf der Frühgeborenenstation des Potsdamer Klinikums Ernst von Bergmann, wo auf der Haut von sechs Babys Darmkeime namens Enterobacter-cloacae nachgewiesen wurden, fahndet man nach dem Übertragungsweg. Denn eigentlich hätten sich solch ein Keim in der Abteilung nicht ausbreiten dürfen.

Dabei stehen Frühgeborenenstationen schon länger unter Beobachtung. Denn der Gesetzgeber hat ihnen eine besondere Pflicht zur Transparenz verordnet. Seit 2009 müssen diese auch Perinatalzentren genannten Abteilungen Qualitätsdaten vorlegen, etwa zur Zahl der verstorbenen Frühchen oder zu Augenschäden und Hirnblutungen als typischen Komplikationen bei diesen Patienten.

Dieser Pflicht zur Offenheit genügen jedoch nicht alle. So hatten die drei Perinatalzentren Brandenburgs, die sich in der Nähe Berlins befinden, zumindest bis Redaktionsschluss keine aktuellen Berichte auf ihren Internetseiten. Das Klinikum Ernst von Bergmann machte auf seiner Homepage nur den Bericht für 2009 zugänglich – eigentlich müsste dort schon seit einem halben Jahr der Bericht für 2011 bereitstehen. Ähnliches gilt für das Perinatalzentrum des Eberswalder Werner-Forßmann-Krankenhauses und das Städtische Klinikum Brandenburg. Die Kliniken in Potsdam und Brandenburg lieferten auf Nachfrage des Tagesspiegels für die Vergleichstabelle der Frühgeborenenzentren in der Region die Daten nach. Das Forßmann-Krankenhaus tat dies trotz tagelanger Nachfragen nicht. Insgesamt gibt es im Land Brandenburg sechs Perintalazentren, neben den drei Kliniken in der Berliner Nachbarschaft, die auch in der Vergleichstabelle abgebildet sind, sind das noch die Kliniken Cottbus, Neuruppin und Frankfurt/Oder.

Noch geheimnisvoller wird es bei den Daten zur Hygiene. Denn diese müssen nicht veröffentlicht werden. Doch erklärten sich die meisten der zwölf Perinatalzentren in Berlin und Umgebung freiwillig bereit, diese Angaben dem Tagesspiegel für den Klinikvergleich zur Verfügung zu stellen – auch wenn es bei manchen einen zweiten Anlauf brauchte. Denn die drei Berliner Kliniken, die bei der ersten Veröffentlichung wegen methodischer Bedenken die Daten nicht freigegeben hatten, taten dies nun nachträglich, zwei davon – das St. Joseph Krankenhaus und das Waldkrankenhaus Spandau – durch Vermittlung des Berliner Gesundheitssenators Mario Czaja (CDU).

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