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Nach Keimfund : Wasserbetriebe verteilen Trinkwasserbeutel in Spandau

Nach dem Fund von Keimen in einem Wasserwerk verteilen die Wasserbetriebe Notfallbeutel in Spandau. Im Norden des Bezirks sind 130.000 Menschen aufgerufen, Trinkwasser abzukochen.

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Beutel mit Trinkwasser für Spandauer Bürger: Wie lange sie Wasser aus dem Hahn abkochen sollen, wissen sie nicht sicher.Alle Bilder anzeigen
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29.07.2011 14:45Beutel mit Trinkwasser für Spandauer Bürger: Wie lange sie Wasser aus dem Hahn abkochen sollen, wissen sie nicht sicher.

Die Berliner Wasserbetriebe haben am Freitag in Spandau sogenannte Notfallbeutel mit Trinkwasser verteilt. Die kostenlosen Rationen umfassten jeweils 1,5 Liter, sagte ein Sprecher. Im Trinkwasser des Bezirks waren Coli-Bakterien entdeckt worden. Die Behörden sprachen deshalb am Donnerstag ein vorsorgliches Abkochgebot aus, das zunächst bis Samstag gilt. Betroffen ist das Gebiet ab nördlich der Heerstraße bis zum Spandauer Forst sowie westlich der Havel bis Falkensee.

Laut Sprecher wurden die Trinkwasserbeutel am Freitag unter anderem an Kindertagesstätten, in Altenheimen und vor dem Rathaus Spandau ausgehändigt. Ebenfalls verteilt würden Handzettel. „Wir arbeiten eng mit den Gesundheitsämtern und den Amtsärzten zusammen“, sagte er. Betroffen vom verseuchten Wasser könnten seinen Angaben zufolge bis zu rund 200.000 Menschen sein.

Die zuständige Spandauer Bezirksstadträtin Daniela Kleineidam (SPD) sprach von 130.000 bis 150.000 potenziellen Betroffenen. Unter ihrer Federführung sollten noch am Freitag in den betroffenen Gebieten an sechs Stellen Wasserproben genommen werden, die zur Untersuchung an das Landeslabor Berlin-Brandenburg in der Berliner Invalidenstraße gehen. Wann die Untersuchungsergebnisse vorliegen, ist bislang noch unklar.

Auf Zähneputzen wird in der Kita verzichtet

"Um 6.30 Uhr kam ein Anruf vom Gesundheitsamt", erzählt Martina Hinz, Leiterin der Kita Vogelnest in der Spandauer Galenstraße. Die 50-Jährige reagiert gelassen auf die Bedrohung des Trinkwassers durch Kolibakterien. Das Wasser für die 40 Kinder der Kita wird fünf Minuten abgekocht, nur das Zähneputzen fällt am Freitag flach. Noch am Donnerstag sei das Leitungswasser normal getrunken worden, ohne das etwas passiert sei.

Cornelia Schulz (55) schiebt mit ihrem Mann Hartmut (59) vier Paletten Mineralwasser auf einem Einkaufswagen durch den Aldi-Markt in der Galenstraße. "Bei der Konkurrenz von Penny habe es gestern kein Wasser mehr gegeben", erzählt Frau Schulz. Ihr Mann dagegen hat am Donnerstagabend noch Leitungswasser getrunken und hält die Warnungen für Unsinn.

In der Notaufnahme des Vivantes-Krankenhauses in der Neuen Bergstraße weist nur ein Informationsständer mit behördlichen Faltblättern auf das Trinkwasser-Problem hin. "Wir registrieren keine Häufung von Durchfallerkrankungen, die auf bakterielle Infektionen zurückzuführen wären", sagt ein Pfleger.

In der Apotheke am Uferpalais hat nur ein Kunde danach gefragt, wie er jetzt seinen Kaffee kochen soll. Ein anderer Apotheker in der Nähe hat sich offenbar nicht informiert und weiß noch nichts von dem belasteten Wasser.

Im Döner-Imbiss in den Spandauer Arcaden kocht man Tee wie immer, doch das Geschirr wird mit ganz normalen Leigungswasser gewaschen.

Als sich am Donnerstagnachmittag die Nachricht vom bakterienbelasteten Wasser am späten Nachmittag über die Online-Seiten und das Radio verbreitete, eilten viele Spandauer in Getränkeläden und Supermärkte. Zum Beispiel in einen Supermarkt am Brunsbütteler Damm: „Heute bekomme ich richtig Muckies“, sagte eine Kassiererin dort. Selten habe sie so viele Sechserpacks mit 1,5 Liter-Flaschen über den Scanner ziehen müssen. Manche Kunden hatten gleich drei oder vier Pakete im Einkaufswagen und die Palette mit dem stillen Mineralwasser in der Getränkeabteilung war schon fast leer.

Eine Kundin in der Warteschlange erfuhr erst durch das Gespräch an der Kasse davon, dass im nördlichen Spandau Keime im Trinkwasser gefunden worden waren. Prompt machte sie noch einmal kehrt, um sich ebenfalls mit dem plötzlich kostbar gewordenen Nass zu versorgen. Gesundheitsverwaltung und Wasserbetriebe fordern die Bewohner des Spandauer Nordens auf (siehe Grafik), das Leitungswasser zum Trinken oder für die Zubereitung von Speisen zunächst abzukochen.

Beeinträchtigungen bis mindestens Sonnabend

Wie war am Abend die Situation in Krankenhäusern und Altersheimen? „Bei uns läuft alles normal“ hieß es zum Beispiel im Evangelischen Waldkrankenhaus an der Stadtrandstraße. Patienten und ihre Angehörigen bräuchten sich keine Sorgen zu machen. Die zuständige Spandauer Stadträtin Daniela Kleineidam (SPD) wies darauf hin, dass in den kritischen Bereichen der Kliniken ohnehin nicht mit Leitungswasser gearbeitet werde. „Wir haben Hinweiszettel vom Bezirksamt bekommen und unsere Bewohner informiert“, sagte eine Mitarbeiterin in der Seniorenresidenz „Haus Havelblick“ an der Havelschanze. Man habe zusätzliche Mineralwasserflaschen verteilt.

Mindestens bis Sonnabend werden die Spandauer ihr Leitungswasser nur stark eingeschränkt nutzen können. Aus diesem Grund will das Bezirksamt am Freitag noch eine weitere Informationskampagne starten. Mitarbeiter des Gesundheitsamtes werden in den Einkaufszentren des Bezirks ebenfalls Merkblätter verteilen, so Stadträtin Kleineidam.

Während das Wasser selbst zum Zähneputzen abgekocht werden muss, ist die Verwendung zur sonstigen Körperpflege unbedenklich, hieß es beim Spandauer Gesundheitsamt. Das gelte auch für das Baden von Säuglingen. Allerdings sei darauf zu achten, dass die Babys kein Wasser in den Mund bekommen. Für die Benutzung von Geschirrspülern und Waschmaschinen wird empfohlen, einen Waschgang zu wählen, bei dem die Temperatur mindestens 60 Grad erreicht.

Über die Dauer des Abkochens sind sich die Behörden nicht ganz einig: Beim Spandauer Gesundheitsamt hält man ein fünfminütiges Abkochen für ausreichend. Es gebe keinen wissenschaftlichen Nachweis, dass 20 Minuten erforderlich sind, sagte die zuständige Stadträtin Daniela Kleineidam (SPD).

Wie es zu der Verunreinigung mit Kolibakterien kommen konnte, war am Donnerstagabend noch unklar. Ursache könnten Bauarbeiten oder Tierkot gewesen sein, hieß es bei den Wasserbetrieben. Möglich wäre auch, dass das Grundwasser kontaminiert wurde, weil es aufgrund der häufigen Regenfälle in der letzten Zeit stark gestiegen und in oberflächennahe Erdbereiche gelangt sei. Langwierige Kontrollen seien nötig, da das 1897 in Betrieb genommene Wasserwerk an der Pionierstraße über 45 Brunnen verfüge, die einzeln überprüft werden müssten.

Das Beratungstelefon der Wasserbetriebe ist am Freitag ab 8 Uhr unter der Rufnummer 0800 2927587 erreichbar.

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