• Nach Kündigung: Ehemals wegen Missbrauchs verdächtigter Pfleger will zurück zur Charité

Nach Kündigung : Ehemals wegen Missbrauchs verdächtigter Pfleger will zurück zur Charité

Die Klinik warf einen Mitarbeiter raus, weil Mädchen gegen ihn Vorwürfe erhoben hatten. Davon ist vor Gericht wenig übrig geblieben. Jetzt will der Mann wieder arbeiten gehen, und zwar „erhobenen Hauptes“. Die Klinik hält sich bedeckt

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Das Erschrecken war groß, als im Herbst 2012 an der Charité ein angeblicher Missbrauchsfall bekannt wurde: Ein Pfleger sollte sich an einem Mädchen vergangen haben, das aus der Narkose erwacht war. Von dem Verdacht ist wenig übrig geblieben. Jetzt erhebt der Pfleger Vorwürfe gegen seinen Arbeitgeber, der ihm damals gekündigt hatte. Die Klinik habe „dem Pressedruck nachgegeben und ihre Fürsorgepflicht gegenüber ihrem zu Unrecht mit Vorwürfen konfrontierten Arbeitnehmer vernachlässigt“, sagt dessen Anwalt Helmuth Meyer-Dulheuer dem Tagesspiegel. Zudem kritisiert er „massive Vorverurteilung“ in der Presse. Sein Mandant habe seinerzeit aus der von Journalisten und Fotografen belagerten Wohnung flüchten müssen. Die Vorgänge hätten ihn und seine Familie stark belastet. Der Mann hat fünf Kinder, für drei ist er noch unterhaltspflichtig.

Staatsanwaltschaftliche Ermittlungen wurden später mangels Tatverdachts eingestellt. Im März bestätigte das Landesarbeitsgericht, dass die Kündigung rechtswidrig war. Nachdem sich die Vorwürfe nun für ihn erledigt hätten, wolle der 60-Jährige „mit erhobenem Haupt“ an die Charité zurückkehren und wieder im Pflegebereich arbeiten, sagt Meyer-Dulheuer. Seine Arbeitskraft habe er dort angeboten, bislang erfolglos. Auch müsse ihm Gehalt nachgezahlt werden. Die Klinikleitung verweist darauf, das Urteil sei nicht rechtskräftig. „Aus Sicht der Gerichte steht im Kern Aussage gegen Aussage, diese Situation der Nichtaufklärbarkeit geht zu Lasten der Charité.“

Begonnen hatte alles mit einem Bericht in der „Bild“: „Pfleger vergewaltigt Mädchen (16)“. Die Rede war von einem „widerlichen Verbrechen“. Der Klinikleitung wurden Versäumnisse vorgehalten. Bundesweit griffen Medien den Fall auf. Die Berichte fielen in eine Zeit, in der die Öffentlichkeit durch Missbrauchsfälle wie an der Odenwaldschule aufgeschreckt war. Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD) forderte „deutliche Konsequenzen“. Klinikvorstand Karl Max Einhäupl sprach von einem „besonders erschütternden Fall“ und davon, dass er „keinen Zweifel“ daran habe, dass das Mädchen „die Wahrheit gesagt hat“. Es habe weitere Verdachtsfälle gegeben. Die Klinik schaltete eine Hotline, bei der sich Opfer melden sollten, und gründete eine Expertengruppe unter der Leitung von Ex-Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD). Der Pfleger wurde von der Arbeit freigestellt.

Nach einigen Wochen kamen jedoch Zweifel an der Aussage des Mädchens auf. Weder sie noch die Eltern wollten sich bei der Polizei zu dem Vorfall äußern. Stattdessen wurde bekannt, dass sie bereits früher einen Sozialarbeiter falsch belastet haben soll. Die Staatsanwaltschaft stellte ihre Verfahren zügig ein. Eine Kündigung des Pflegers scheiterte an der Zustimmung des Personalrats. Jedoch meldeten sich weitere angebliche Opfer bei der Klinik, auf die diese ihre Kündigung später stützte.

Auch hier erkannte die Staatsanwaltschaft später keinen Tatverdacht. Das Landesarbeitsgericht sah jedenfalls keinen dringenden Verdacht, wie er für eine Kündigung nötig gewesen wäre. So hielt es das Gericht nach dem jetzt schriftlich vorliegenden Urteil für möglich, dass in einem Fall vor zehn Jahren sich ein damals 14 Jahre altes Mädchen anstößige Berührungen nur eingebildet haben könnte. Wie bereits die Strafverfolger festgestellt hatten, sei eine „Verstärkung der Belastungstendenz im Aussageverhalten von Tochter und Mutter erkennbar“, die die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen infrage stelle. Als unwahrscheinlich stuften die Richter auch die Geschichte eines Mädchens ein, das dem Sender RTL einen weit dramatischeren Vorfall schilderte, als er sich nach den Umständen ereignet haben konnte. Allein dass es mehrere Beschuldigungen gegeben habe, mache Pflichtverstöße des Pflegers nicht wahrscheinlicher, so die Richter.

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