Nach Missbrauchsfällen : Warten auf tätige Reue der katholischen Kirche

M.Z. wurde am Canisius-Kolleg missbraucht und hat dies bis heute verdrängt. Von der Bischofskonferenz ist der 47-Jährige enttäuscht – und fordert jetzt eine Entschädigung.

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Heraus aus der Unkenntlichkeit. 150 am Canisius-Kolleg missbrauchte Schüler haben sich bereits gemeldet.Foto: Tim Brakemeier/dpa

M.Z. will kein gläsernes Opfer sein. Er möchte anonym bleiben, weiterleben, ohne von anderen gebrandmarkt zu werden. Sein ganzes Leben lang hat der 47-Jährige geschwiegen, verdrängt, vergessen. Er sagt: „Vielleicht aus Loyalität gegenüber der Kirche, dem Orden, der Schule, der Erziehung, sicher aber aus Scham.“ So wie viele seiner damaligen Klassenkameraden am Berliner Canisisus-Kolleg. 2009 hatten sie in der Vorbereitung auf ein Klassentreffen über damals gesprochen und sich dann an die Ordensanwältin Ursula Raue gewandt. Einen Monat später habe der Brief von Schulleiter Klaus Mertes im Briefkasten gelegen. Manche von ihnen hätten sich im Anschluss gesammelt einen Anwalt gesucht.

Bei Manuela Groll hätten sich viele nach all den Jahren zum ersten Mal wieder getroffen, manche hätten sich dort erst kennengelernt, weil sie aus anderen Städten hinzugestoßen seien. Die Gruppe hätte abgewartet, um zu sehen, wie die Kirche agiere. Jetzt nach der Bischofskonferenz sei da diese immense Wut und Enttäuschung: „Es sind nicht nur Einzeltäter. In den Erklärungen der ‚Täterorganisation‘ vermisse ich ein Wort: Verantwortung. Wer übernimmt sie für das Vertuschen der Taten, die vor 30 Jahren mein Leben und das vieler anderer verletzt haben? Wir haben unseren Mund aufgemacht und werden wieder einfach nur stehen gelassen.“

Nach der Entschuldigung des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, hat sich M.Z. in einem offenen Brief an die kirchlichen Institutionen gewandt. Von Scham und Schande zu sprechen, sei nicht genug. „Was der Orden und die Kirche damit zu tun haben? Als 13-Jähriger glaubte ich, dass der Pater im Namen der Kirche spräche, der erklärte, mir helfen zu wollen, nicht der ,Sünde‘ der Masturbation“ anheimzufallen. Das war der Vertrauensvorschuss, der die Taten erst ermöglichte. Deshalb klagen wir nicht nur die Täter, sondern auch die Kirche an. Sie sind schuldig geworden durch Wegsehen, Vertuschen und Verschweigen.“

M.Z. ist gläubiger Katholik. Wer mit ihm spricht, vernimmt die klaren Worte eines Mannes, der sich gewappnet hat. Auch für das Gespräch, weil er sich entschieden hat, doch zu sprechen, obwohl da die Angst ist, zu viel zu sagen, sich zu sehr zu öffnen. M.Z. ist ein sanfter Mensch. „Seit vier Wochen laufen in ganz Deutschland Hunderte Betroffene herum, denen es so geht wie mir.“ Sie stehen unter extremer, nervlicher Anspannung, was aber kein Wunder sei, wenn nach so langer Zeit der Deckel vom Topf genommen werde und alles wieder da sei. „Es gibt Partner, Kinder und Eltern, die jetzt zum ersten Mal von ihren Ehemännern und Vätern von dem Missbrauch erfahren haben.“ Es sei ein Ausnahmezustand in der kleinen West-Berliner Katholiken Diaspora von damals, weil es fast jeden betreffe. „Man legt sich Zügel an, die Jahre streichen vorbei, und die Stille dämpft das Gefühl. Dann schlägt man die Zeitung auf und liest seine Geschichte. Plötzlich ist da die Erinnerung“, sagt M.Z.

Damit nicht alleine zu sein, sei wichtig geworden. Auch, um endlich das Gruppenschweigen der vielen missbrauchten Generationen zu brechen. Eine erste Anlaufstelle sei im Januar das Forum der Spreeblick-Seite von Johnny Haeusler, einem ehemaligen Canisius-Schüler, gewesen. „Das war Therapie, Erinnerungsaufarbeitung und Selbsthilfegruppe in einem.“ Geschützt durchs Netz hätten sich dort 60-Jährige mit 40-Jährigen und gegenwärtigen Schülern vom Canisius-Kolleg ausgetauscht. Man habe rekonstruiert: die Jahre, die Bilder, die Orte, die Gruppen, und sich erzählt, dass es Familien gegeben habe, die zum Rektor gegangen seien und mit den Worten, „dass der Patres den pubertierenden Kindern helfen wolle“, abgebügelt worden seien.

Im Blog finden sich an die 500 Einträge, die einen Einblick hinter die Kulissen des Canisius-Kollegs gewähren. Ein Beispiel: „Die Sache mit den ausgesprochen schmerzhaften Handgreiflichkeiten gehört zu den Dingen, die wir an entsprechender Stelle (dem Rektor) vorgetragen haben. Seine Reaktion: ‚Noch ein Wort und ihr bekommt alle (drei) einen Tadel. Da ist die Tür!‘“

M.Z. hat seinen Eltern nichts gesagt. „Da ist etwas, das geht mit dem Missbrauch zusammen. Man ist emotional abhängig und fühlt sich selbst schuld an der Lage. Dann wird akzeptiert und verdrängt.“ Im Gegensatz zu Täter-Pater Wolfgang S., der seine Schüler einzeln zu sich gerufen habe, habe Peter R. die Methode des charismatischen Lehrers verfolgt, der seine Schüler wie Jünger um sich geschart habe. Der Missbrauch sei ein offenes Geheimnis gewesen. „Heute erscheint es mir fast sektenartig, wie er seine Jugendarbeit organisiert hat.“ So hätten es beide Patres geschafft, die Kinder emotional zu verwickeln. „Weil sie eine große Rolle im Leben und Fühlen von uns gespielt haben. Man hat die beiden ja gemocht, sonst wäre man ihnen auch nicht auf den Leim gegangen.“ Und später sei dann die Scham gekommen, die die Täter auch so lange geschützt habe. „Jemand der so nah ist, der sich so in dein Herz geschlichen hat, den kriegt man schwierig wieder heraus. Und das vergiftet später alle Beziehungen, die man hat.“ Neben den körperlichen Schäden und dem Seelenmord sei es vor allem der Vertrauensmissbrauch, der so viel Schaden anrichte.

Die Mandantengruppe von Anwältin Groll ist vernetzt. „Wir sind dabei, uns als Gruppe weiter zu formieren“, sagt M.Z. Er und viele andere seien jetzt vor allem wütend darüber, mit welcher Leichtigkeit den Bischöfen das Wort von der Verzeihung über die Lippen ginge, ohne dass sie darüber nachdenken würden, wie sie den Opfern helfen könnten. Dass sie sich bemühen wollten, neuen Fällen vorzubeugen, sei wichtig. Ob die getroffenen Maßnahmen reichten, weil innerkirchliche Richtlinien und ein interner Sonderbeauftragter nicht ausreichten, um sexuell missbrauchten Opfern zu ihrem Recht zu verhelfen oder sie wirksam zu schützen, eine andere Frage. Deshalb sei die Gruppe auch nur im ersten Schritt zu Ordensanwältin Raue gegangen. „Sie ist eine ‚Eingangsperson‘ und hat sensibel reagiert. Doch wir bezweifeln, dass jemand, der von der Kirche bezahlt wird, wirklich zu 100 Prozent loyal sein kann, auch, wenn er es will.“

M.Z. erwartet Genugtuung für das Versagen einer Institution, die ihre Kinder nicht beschützt habe. Wiedergutmachung sei der falsche Begriff. „Was zerstört wurde in unserem Leben, lässt sich nicht wiedergutmachen. Aber man kann uns aufklären.“ Nach den ausgebliebenen Zugeständnissen der Bischofskonferenz fordern er und andere Mitstreiter, dass die kirchlichen Institutionen die Verantwortlichen benennen und ihre Archive externen Ermittlern öffnen. „Wer ist heute noch im Amt? Sind sie bereit, darüber zu sprechen? Die Wahrheit könnte uns helfen, die Folgen besser zu verschmerzen und einen neuen Anfang zu machen, wo so viel Leben verdunkelt und zerstört wurde.“ Es solle nicht jeder um seinen eigenen Fall kämpfen müssen. Auch ginge es nicht um die finanzielle Entschädigung einzelner, sondern um eine, die die Kosten der Folgetherapien und der Schäden aller Betroffenen gesammelt tragen würde. Es gehe um ein ernsthaftes Angebot, das ein Exempel statuiere. Ein warmer Händedruck genüge nicht, und einfach einen Haken dran zu machen, sei nicht möglich. „Was ist mit uns, mit denen, die jetzt auf die Bühne getreten sind und mit den Folgen leben? Das Verhalten der Kirche zeigt mir, dass sie immer noch nicht begriffen hat, was Missbrauch mit Kindern, die erwachsen werden, anrichtet. Das braucht es aber, damit sich etwas ändern kann.“

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