Nach Missbrauchsfall in Charité : Kinderhilfe kritisiert Krankenhäuser

Die Deutsche Kinderhilfe richtet schwere Vorwürfe gegen die Kliniken, da dort trotz Missbrauchsfällen erweiterte polizeiliche Führungszeugnisse keine Selbstverständlichkeit sind. In der Charité könnte sich das bald ändern.

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Krisenmanagement. Die Charité will ihre interne Kommunikation verbessern.
Krisenmanagement. Die Charité will ihre interne Kommunikation verbessern.Foto: dapd

Nach dem Verdacht auf sexuellen Missbrauch an einem 16-jährigen Mädchen an der Berliner Charité ist eine Diskussion um den Schutz minderjähriger Patienten in Krankenhäusern entbrannt. Dabei richtete der Vorsitzende des Vereins Deutsche Kinderhilfe, Georg Ehrmann, schwere Vorwürfe gegen die Kliniken.

„Spätestens seit dem Bekanntwerden von schweren Missbrauchsfällen in Kirchen und Internaten weiß man, dass Pädophile oft versuchen, in Kindereinrichtungen zu arbeiten“, sagte er dem Tagesspiegel. „Seit Mai 2010 gibt es die Möglichkeit des erweiterten Führungszeugnisses, es ist traurig, dass Kliniken bis heute keinen Gebrauch davon machen.“ In der Charité war wie berichtet am Dienstag ein Maßnahmenkatalog vorgelegt worden, um Missbrauchsfälle künftig zu verhindern. „Während die Charité ein umfangreiches Angebot präventiver und fürsorglicher Maßnahmen im Kinderschutz nach außen bereithält, gab es bislang keine systematischen Aktivitäten mit hausinternem Fokus“, heißt es zur Begründung.

Zu denen gehört neben einer Ombudsstelle und der Schulung von Mitarbeitern zum oft heiklen Spannungsfeld von Nähe und Distanz auch ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis. Ein Charitésprecher relativierte jedoch Medienmeldungen, wonach das bereits beschlossene Sache sei. „Neu eingestellte Mitarbeiter, die mit Kindern arbeiten, müssen ein solches erweitertes Führungszeugnis vorlegen“, sagte er. „Was die bereits angestellten Mitarbeiter angeht, so wird erst durch die Rechtsabteilung geprüft, unter welchen Voraussetzungen dies möglich ist.“

Das betreffe in der Charité dann etwa tausend von insgesamt mehr als 13 000 Ärzten, Schwestern, Pflegern und anderen Angestellten, sagte der Sprecher. Die Kosten dafür würden von der Klinik getragen. Im Übrigen sei dies nicht als Misstrauensvotum gegenüber den Mitarbeitern zu verstehen. Diesen Satz hört man auch in anderen Kliniken oft als Grund, warum die Vorlage eines erweiterten polizeilichen Führungszeugnisses noch nicht üblich ist. Dabei wird dies inzwischen in vielen Sport- und anderen Vereinen ganz selbstverständlich sogar von Ehrenamtlichen verlangt, ebenso wie von Mitarbeitern freier und auch kirchlicher Träger.

Beim landeseigenen Klinikkonzern Vivantes wurde zwar bereits das Anforderungsprofil für ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis entwickelt, einen Termin für die Umsetzung gibt es aber noch nicht. Im Helios-Klinikum Buch hingegen wird das erweiterte polizeiliche Führungszeugnis nach Angaben einer Sprecherin nicht nur von Neueinstellungen sondern inzwischen von allen, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, verlangt. Außerdem hat Buch ein weitgehendes Kinderschutzkonzept erarbeitet, nachdem dort ein Mitarbeiter 2010 auf der Kinderintensivstation drei Jungen im Alter von fünf, acht und neun Jahren sexuell missbraucht hatte.

„Wir wissen, dass etwa zwei Prozent der Bevölkerung pädophil veranlagt sind“, sagt Kinderhilfe-Chef Ehrmann. „Sie suchen die Nähe von Kindern, auch im Beruf.“ Dies könne mit dem erweiterten Führungszeugnis verhindert werden, in dem auch Verurteilungen im niedrigen Strafbereich aufgeführt sind wie etwa exhibitionistische Handlungen oder Besitz und Verbreitung von Kinderpornografie.

Im aktuellen Charité-Fall ist es der Staatsanwaltschaft noch immer nicht gelungen, mit dem mutmaßlichen Opfer Kontakt aufzunehmen. In der Charité wollte man sich zum weiteren Vorgehen gegen den beschuldigten 48-jährigen Pfleger nicht äußern – laut Abendschau sprach sich der Personalrat gegen eine Kündigung aus. Auch über die Zahl der Anrufe unter der nach Bekanntwerden der Vorwürfe eingerichteten Hotline 030 450550500, die weiterhin zwischen 8 und 20 Uhr geschaltet ist, will die Charité keine Auskunft mehr geben.

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