Nach Mord an Jonny K. : Noch ein Alex-Täter will sich stellen

Mann würde sich laut Anwalt bei der Polizei melden – unter einer Bedingung. Die Familie des Opfers kam zum Gottesdienst nahe dem Tatort.

von und Kerstin Hense
Trauerstätte.
Trauerstätte.Foto: dapd

Nach der Tötung des 20-jährigen Jonny K. am Alexanderplatz will sich ein Tatverdächtiger, der auf der Flucht ist, offenbar stellen. Wie der RBB mitteilte, habe sich der Anwalt des Mannes gemeldet. Sein Mandant befinde sich derzeit im Ausland und verlange als Bedingung eine Haftverschonung. Sowohl der Name des Anwalts als auch das Aufenthaltsland des Klienten wurden nicht genannt.

Polizei und Staatsanwalt wollten sich zu den Angaben nicht äußern. „Wir sind sehr gespannt“, hieß es in Ermittlerkreisen. „Bei uns ist noch niemand aufgetaucht. Doch es wäre gut möglich, dass er sich stellt. Und es wäre auch sinnvoll.“ Die Fahndung läuft weiter.

Von den sechs Tatverdächtigen, die Jonny K. am 14. Oktober durch Tritte und Schläge getötet haben sollen, sind drei flüchtig. Der mutmaßliche Haupttäter, Onur U., befindet sich in der Türkei. Er hatte vor dreieinhalb Wochen einem „Bild“-Reporter mitgeteilt, dass er sich in Berlin den Ermittlern stellen wolle – bislang tat er dies nicht. Ein Rechtshilfeersuchen an die türkischen Behörden ist bereits vor Wochen gestellt worden. Die Staatsanwaltschaft verschweigt dazu jegliche Auskunft. Zwei weitere Tatverdächtige, Hüseyin I. und Bilal K., haben die griechische Staatsangehörigkeit und sollen sich nach Griechenland abgesetzt haben. Einer von ihnen soll der Mandant des Anwalts sein, der sich beim RBB gemeldet habt.

Zwei Beschuldigte (19 und 21 Jahre) sitzen bereits in Untersuchungshaft. Ihnen wird Körperverletzung mit Todesfolge vorgeworfen. Ein Dritter, der sich in Berlin gestellt hatte, ist auf freiem Fuß. Die Ermittlungen laufen aber weiter.

Jonny K. war in der Nacht zum 14. Oktober mit mehreren Freunden auf einer Party in einem Club unter dem Fernsehturm. Als die Freunde gingen, war einer von ihnen so betrunken, dass er gestützt werden musste. Vor der Bar „Cancun“ am Alexanderplatz wurden die Freunde von sechs Männern unvermittelt angegriffen. Jonny K. erlitt so schwere Gehirnblutungen, dass er wenig später im Krankenhaus starb. Zu der Trauerfeier Ende Oktober waren neben dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) mehrere hunderte Menschen erschienen, um Abschied von ihm zu nehmen. An der Stelle, wo der 20-Jährige starb, befindet sich noch immer eine Gedenkstätte mit Blumen, Beileidsbekundungen und Grablichtern.

Nur unweit davon entfernt, in der Marienkirche am Alexanderplatz, wurde am Mittwochabend mit einem Gedenkgottesdienst zum Buß- und Bettag an Jonny K. und andere Opfer von Gewalt erinnert. „Als Kirche mitten in der Stadt ist das der ideale Ort, um für die Stadt und mit der Stadt zu beten“, sagte Pfarrerin Cordula Machoni. Etwa 500 Menschen waren gekommen. „Wir wollen denjenigen eine Stimme verleihen, die sie nicht haben, die sich wegducken, das sind meistens die Opfer von Straftaten.“, sagte der Berliner Opferbeauftragte Roland Weber in seiner Trauerrede. „Wir wollen ihnen zeigen, sie sind nicht allein.“

„Jeder muss eine Chance haben, sein Leben grundlegend zu ändern,“ gab mit Blick auf die Täter der Seelsorger der Strafanstalt Plötzensee, Hartmut Klöß, zu bedenken. Auch Jonnys Familie war gekommen. Seine Schwester Tina K.  sprach zu den in der Kirche versammelten Menschen: „Es ist nicht cool, Waffen zu tragen und andere zu mobben. Andere zu umarmen und ihnen zu sagen, dass ich sie lieb habe, das ist cool.“ Am Ende des Gottesdienstes erhielt jeder eine Kerze geschenkt, um sie zu Jonnys Gedenken zu entzünden. „Das Recht, ein anderer zu sein“, hatte das Motto gelautet. Für die Angehörigen verändert sich durch einen Schicksalsschlag, wie ihn Jonnys Familie erlebt hat, das ganze Leben. „Sie überdenken ihre Lebensziele neu“, sagte Roland Weber. Auch Tina K. entwickelt neue Pläne. Die Arbeit in der eigenen Werbefirma hat sie kurzfristig eingestellt, um in Ruhe zu trauern und sich der Öffentlichkeitsarbeit für ihren toten Bruder zu widmen. Tanja Buntrock/Kerstin Hense

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