Berlin : Nach oben offen

Die Berliner CDU steckt laut Umfragen in einer Außenseiter-Position – doch die hat durchaus Vorteile für die Partei

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Überfälle in der U-Bahn, Streit um das „Schüler-Lotto“ und die Vergabe von Gymnasiumsplätzen, das Versagen des Senats, ein Groß-Projekt von Siemens für Berlin zu gewinnen – das alles mag die Leute bewegen. Aber es bewegt sie nicht dazu, in Meinungsumfragen vier Monate vor der Wahl mehr als bisher mit der bürgerlichen Oppositionspartei CDU zu sympathisieren. Die Union steht, wo sie seit Monaten steht: zwischen 18 und 20 Prozent, selten mal deutlich darüber.

Auf die Partei hat das einen seltsamen Effekt: Es macht sie freier. Anders als in früheren Jahren hört man keine halblaute Kritik an der Führung, dass es „nun langsam mal besser werden“ müsse mit den Umfrageergebnissen. Es ist, als hätten die Wahlkämpfer das Angenehme einer Situation erkannt, in der man fast nur gewinnen kann.

Gewiss: Je nach Anlass und Publikum erinnert Frank Henkel sehr wohl daran, dass seine CDU hier in Berlin bei der Bundestagswahl 2009 und bei der Europawahl im selben Jahr sozusagen Sieger gewesen ist und die Konkurrenz, vor allem die SPD, auf die Plätze verwiesen hat. Doch auch in kämpferischen Reden tut Henkel nicht so, als erwarte er eine plötzliche radikale Trendumkehr, die seine Union auf 29 Prozent aufpumpt und die Duellanten Klaus Wowereit und Renate Künast um die Ränge zwei und drei konkurrieren lässt. Jeder sieht, dass von der Schul- über die Wirtschaft- und Verkehrs- bis zur Sicherheitspolitik vieles in Berlin ein wenig ambitionierter gemacht werden könnte. Aber keiner weiß, welches das große Wahlkampfthema werden wird – und ob es überhaupt eins geben wird. Derzeit sind die landespolitischen Interessen der Berliner Wähler so flüchtig wie der Duft von Flieder.

So sind Henkel und die CDU in einer klassischen Außenseiter- und Underdog-Situation – und das macht frei und locker. Henkel kann testen, ob er als freundlich-konservativer Gesamt-Berliner und Generalist besser ankommt – oder ob die Leute doch den kantigen Bürgermeister wollen, der in eigener Person „aufräumen“ will mit den Problemen in der Stadt – statt sie wie Klaus Wowereit kleinzureden oder wegzulächeln. Da ist sich Henkel durchaus nicht sicher, was die Leute wirklich wollen. Doch derzeit muss er sich auch nicht festlegen.

Nicht anders ist die Lage derer, die mit dem populär-verständlichen 100-Probleme-100-Lösungen-Programm losziehen und Wahlkampf machen: Sie müssen den Leuten, wenn sie sich für Politik interessieren, nicht einreden, die Stadt werde ohne einen Machtwechsel in den Schwaden von Grillfeuern untergehen. Sie können aber sagen: Wir sind wieder da. Wir haben uns Gedanken gemacht. Wir stehen zur Verfügung. Vielleicht nicht als stärkste Partei – aber als Mehrheitsbeschaffer: Die Wahl könnte so ausgehen, dass sich die zweit- und die drittstärkste Partei gegen den vermeintlichen Wahlsieger zusammentun. Dazu braucht es nicht viel mathematische und nur ein bisschen mehr politische Fantasie. In der CDU sagen sie sich: Nach oben ist alles möglich. Werner van Bebber

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