Nach Polizeieinsatz in Berlin-Kreuzberg : Im Alltag herrscht noch Anarchie

Gut eine Woche sind die Absperrungen jetzt weg. In der Gegend um die Gerhart-Hauptmann-Schule kehrt wieder langsam Normalität ein. Die Geschäfte büßten wegen der Sperrung viel Umsatz ein und wollen Schadensersatz. Gestritten wird weiterhin über die Rolle der Polizei.

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Die neue Normalität an der Schule: Flüchtlinge werden von Wachschützern bewacht, sie dürfen aber frei ein und ausgehen.
Die neue Normalität an der Schule: Flüchtlinge werden von Wachschützern bewacht, sie dürfen aber frei ein und ausgehen.Foto: Fatina Keilani

Der M 29 fährt wieder die gewohnte Route, die Geschäfte haben geöffnet. Eine gute Woche nach dem Abrücken der Polizei ist in der Gegend um die Gerhart-Hauptmann-Schule so etwas wie Normalität eingekehrt. Allerdings ist der Zugang zur Schule jetzt mit einem Vorhängeschloss gesichert. Bullige Sicherheitskräfte überwachen, wer aufs Grundstück kommt. Sagen dürfen sie nichts. Nur so viel: Die Flüchtlinge hätten jetzt Hausausweise. Sie könnten frei ein- und ausgehen. Morgens halb zehn ist kein Flüchtling zu sehn.

Da der Einsatz nicht nur den Steuerzahler eine Menge Geld gekostet hat, sondern auch bei den Geschäftsleuten die Umsätze einbrechen ließ, prüfen die nun ihre Optionen. „Der Brief ans Bezirksamt ist schon aufgesetzt“, sagt Tomislav Waletilic, Inhaber des Copyshops an der Ohlauer Straße. Sein Laden liegt mitten in der Sperrzone, Kunden mussten einzeln von der Polizeiabsperrung bis zum Geschäft begleitet werden, die meisten drehten gleich an der Absperrung wieder um. „Der Schaden ist zu groß, um ihn so zu verkraften“, sagt der 29-Jährige. „Es ist ein hoher vierstelliger Betrag.“ Er wolle beim Bezirk erstmal höflich fragen; hilft das nicht, würde er auch klagen.

Im libanesischen Imbiss „Nachtigall“ sei ein Drittel des Monatsumsatzes verloren, sagt Chef Mohamad Badran. Am zweiten Tag der Absperrung habe er aufgegeben, musste frische Lebensmittel wegwerfen und hatte dann acht Tage zu. „Das tut schon weh“, sagte Badran. Ein Polizist habe ihm geraten, seinen Umsatzausfall beim Bezirk geltend zu machen. Er überlege noch. „Die Unterlagen habe ich ja alle, denn fürs Finanzamt braucht man sie sowieso“, so Badran.

Helm ab! Solidarität mit den Flüchtlingen der Gerhart-Hauptmann-Schule
Im Kreuzberger Kiez rund um die Gerhart-Hauptmann-Schule hängen mittlerweile an vielen Fenstern Solidaritätsbekundungen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 21Foto: Carmen Schucker
03.07.2014 08:58Im Kreuzberger Kiez rund um die Gerhart-Hauptmann-Schule hängen mittlerweile an vielen Fenstern Solidaritätsbekundungen.

Von den Flüchtlingen sind Anwohner und Gewerbetreibende überhaupt nicht genervt, überall im Kiez hängen Solidaritätsbekundungen von Balkonen herunter. Über den Polizeieinsatz ärgern sich allerdings viele. „Man hat sich die ganze Zeit gefragt: Wozu?“, berichtet etwa Lydia Cehajic vom Friseur „Engelshaar und Teufelslocke“. Die 29-Jährige wohnt schräg gegenüber von ihrem Laden in der Ohlauer Straße. Besuch musste sie an der Absperrung abholen. Die meisten Kunden kamen nicht. Einziger Vorteil des Ganzen: „Es war so schön ruhig hier.“

Auch die Grünen sehen den Polizeieinsatz kritisch. In einem Rundbrief an die Anwohner haben die Bezirksgrünen gemeinsam mit den Abgeordnetenhausmitgliedern Dirk Behrendt und Antje Kapek geschildert, wie es dazu kam, und den Umfang des Einsatzes für „überzogen und inakzeptabel“ erklärt. Das „Agieren grüner Funktionsträger“ werde noch aufgearbeitet. Damit dürfte Stadtrat Hans Panhoff gemeint sein, der für seine grüne Politik zum ungrünen Mittel des Polizei-Einschaltens griff. In dem Brief wird Anwohnern auch angeboten, ihre Schäden per Mail unter einer dort genannten Adresse geltend zu machen. Es werde dann im Einzelfall geprüft, inwieweit der Bezirk den Schaden ersetzen könne.

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