Nach Prügelattacke : Ein Lehrer stellt sich seiner Angst

Nach der Prügelattacke an der Spandauer Schule spürt Lehrer Horst F. die psychischen Folgen des Angriffs. Aber er will sich seinen Ängsten stellen - und mit den Angreifern sprechen, wie er gegenüber tagesspiegel.de erklärte.

Tanja Buntrock

Die gebrochene Rippe schmerzt: Bei jedem tiefen Atemzug, bei jedem Husten – ein Stechen, das sich durch den ganzen Körper zieht. Horst F., der Vize-Direktor der Gottfried-Kinkel-Realschule in Spandau, ist nach der Prügel-Attacke am Dienstag noch bis zum 9. Januar krankgeschrieben. Aber viel mehr als die gebrochene Rippe machen dem 58-Jährigen die psychischen Folgen des Angriffs zu schaffen. „Ich schlafe schlecht, wache schwitzend auf, bin richtig depressiv“, erzählt der Mathe- und Chemielehrer dem Tagesspiegel. Und ganz unvermittelt werde er von „Angstschüben“ überrascht.

Doch der Lehrer, der seit 33 Jahren im Dienst ist, will sich seiner Angst stellen. Am Freitag war er bei der polizeilichen Vernehmung. Ein Beamter habe ihm ein „Täter-Opfer-Gespräch“ vorgeschlagen. „Ich musste erst mal schlucken. Aber dann habe ich zugestimmt“, sagt Horst F. „Vielleicht kann ich durch das Gespräch mit den Beteiligten das Ganze besser verarbeiten.“

Wie berichtet, war der Konrektor am Dienstag in seinem Büro von zwei Jugendlichen angegriffen worden. Er hatte zuvor den 14-jährigen Schüler Hakan Ö. für drei Tage vom Unterricht suspendiert, weil der seine Lehrerin als „Schlampe“ beschimpft hatte. Der Junge rief daraufhin seine beiden Cousins Onur (19) und Taner (18) an. Die stürmten in F.s Büro und schlugen den Konrektor zusammen. Die Polizei ermittelte die Tatverdächtigen wenig später. Die Brüder Onur und Taner Ö. haben sich bislang nicht geäußert. Sie werden von einem Anwalt vertreten. Am Freitag sind Hakans Vater und der Vater der beiden Angreifer zu einem Gespräch mit der Direktorin in die Gottfried-Kinkel-Schule gefahren. In dem halbstündigen Gespräch hätten die Väter „nicht auf den Putz gehauen“, sagt der Sprecher der Senatsschulverwaltung, Jens Stiller. Offenbar zeigten sie sich einsichtig. Der Siebtklässler Hakan darf erst am 6. Januar wieder in die Schule kommen – allerdings nur zur Klassenkonferenz: Hier soll er sich vor den Lehrern und Elternvertretern zu dem Vorfall äußern. Die Klassenkonferenz gibt dann ein Votum ab, ob er der Schule verwiesen wird. Über einen Verweis entscheidet am Ende die Schulaufsicht.

Horst F. glaubt nicht, dass der Junge weiterhin an der Schule bleiben wird. In einem Brief vom Anwalt der Familie habe offenbar selbst Hakans Vater die Einsicht gezeigt, dass sein Sohn nicht mehr tragbar ist an der Schule. Horst F. sagt, er habe Angst, dass so ein Vorfall wieder passiert. Über die Feiertage und in den Ferien wolle er erst mal zur Ruhe finden. Sollten die Angstzustände nicht weniger werden, dann wolle er das Angebot der Schule, einen Schulpsychologen zu konsultieren, annehmen. Horst F. sagt, er sei überfordert mit der Situation. Ebenso wie seine Kollegen, die den Angriff unmittelbar mitbekommen hätten, „aber Angst hatten und auch nicht wussten, wie sie sich verhalten sollten“. Deshalb wolle das Kollegium demnächst an einem Anti-Gewalt- und Sicherheitstraining der Polizei teilnehmen.

Am Freitag kam es zu einem weiteren Gewaltvorfall an einer Schule: diesmal in der Bötzowstraße in Prenzlauer Berg. Während einer Weihnachtsfeier an der Kurt-Schwitters-Oberschule gerieten zwei 16-jährige Schüler in Streit. Einer stach seinem Kontrahenten mit einem Messer in den Oberarm. Das Opfer kam in eine Klinik.

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