Nach Schließung des ICCs : Kein Platz für Ecbatane

Die Herzen in Berlin konnte er nie recht erobern. Seit 2005 verweilt die Großskulptur namens „Ecbatane“ in einer Lagerhalle. Mit dem vorläufigen Aus fürs ICC bleibt auch seine Zukunft ungewiss.

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Vor neun Jahren wurde die Skulptur „Ecbatane“ vor dem ICC demontiert.
Vor neun Jahren wurde die Skulptur „Ecbatane“ vor dem ICC demontiert.Foto: Imago/Joachim Schulz

Sein Leiden an Berlin begann für Alexander den Großen schon, bevor er auch nur zu seiner Reise an die Spree aufgebrochen war. Rund fünf Meter Breite maß die Großskulptur, die der französische Bildhauer Jean Ipoustéguy in Italien für den Platz vor dem ICC hatte gießen lassen. Für die Kontrollstellen der DDR waren das 70 Zentimeter zu viel. Also musste einer von Alexanders drei Armen dran glauben, auch eine Hand wurde amputiert – erst in Berlin fanden die Körperteile wieder zueinander.

Wie es 1980 begonnen hatte, so ist es auch heute wieder: „Ecbatane“ – der Name hat sich statt „Alexander“ eingebürgert – wurde demontiert, in Einzelteile zerlegt und in einer Servicehalle im Südbereich des Messegeländes eingelagert – „trocken“, wie Michael T. Hofer, Sprecher der Messe, betont. Und da die Zukunft des ICC, das die Berliner an diesem Wochenende zum vorerst letzten Mal betreten konnten, weiter ungewiss ist, wird sich auch am Status des Werks vorerst nichts ändern.

„Die Skulptur gehört zum ICC und dieses wiederum dem Land Berlin“, sagt Hofer. Das Land werde die Messe mit einer „bauerhaltenden Schließung“ betrauen, über deren Details jetzt mit der Senatswirtschaftsverwaltung gesprochen werden müsse. Hofer erwartet, dass die Skulptur einmal reaktiviert – und das bedeutet zunächst: saniert – werde, sobald das ICC, wann und von wem auch immer, einer Nachnutzung zugeführt werde. Aber das steht bekanntlich in den Sternen.

Seit 2005 weilt Ecbatane in einer Lagerhalle

Eingemottet wurde „Ecbatane“ im Sommer 2005. Der 70-Tonnen-Betonsockel war brüchig geworden, auch die Skulptur selbst erwies sich als marode und reparaturbedürftig. Erwartete Kosten: „Im sechsstelligen Bereich“, wie Hofer damals sagte. Einlagern kam da billiger, Proteste waren ohnehin kaum zu erwarten. Die Skulptur hatte es nie recht geschafft, die Herzen der Berliner zu erobern.

Schon die Jury, die über Entwürfe von Künstlern wie Jean Tinguely, Alfred Hrdlicka, Joachim Schmettau und Rolf Szymanski zu entscheiden hatte, konnte sich nicht auf ein einstimmiges Votum einigen. Der Entwurf von Ipoustéguy berlinisierte eine kleinere, 1965 geschaffene Skulptur, von der es in den Museen der Welt mehrere Abgüsse gab. Ursprünglich trug sie den Titel „Alexander vor Ekbatana“, thematisierte also die Eroberung der persischen Residenz Ekbatana im Jahr 330 v. Chr. Archäologen haben sie im Raum der iranischen Großstadt Hamadan verortet.

Von Alexander dem Eroberer zu einem 'Mensch an sich'

Dieses Ur-Bildnis wurde von Ipoustéguy für Berlin deutlich variiert: „Die Figur stellt jetzt nicht mehr Alexander dar, den Eroberer, sondern einen ,Menschen an sich’, sogar in Dreierform, Mann, Frau, Kind“, schrieb Heinz Ohff damals im Tagesspiegel. „Das Plateau davor ähnelt einem Schiff und ist unverkennbar zu einem Symbol für das Bauen schlechthin geworden; sogar die Bauarbeiter sind nicht vergessen.“ Die Geste der Figur sei „keine mehr der Eroberung, sondern eine Gebärde des Anpackens“. Der vom Künstler neugewählte Titel nahm dies auf: „Der Mensch baut seine Stadt“. Auch den Berliner Bären und sich selbst, dargestellt als Variation des legendären Berliner Originals Eckensteher Nante, hatte er im Bildprogramm der Großskulptur nicht vergessen. Zur „Monumentalität des Stadtbauers“ passe das allerdings gar nicht, rügte Ohff. Die Skulptur zerfalle nun „in zwei entgegengesetzte Teile, einen schroffen, barschen, ,erhabenen’ und einen strukturellen mit niedlichen Einschüben.“

Vorerst wird man weder den barschen noch den niedlichen Teil zu sehen bekommen. Doch kann, wer Jean Ipoustéguy im öffentlichen Berliner Raum sehen will, nach Buch ins Max Delbrück Centrum fahren. Dort steht die Skulptur „L’Homme“, 1964 auf der Documenta gezeigt, im Jahr 2000 mit Hilfe von Lottomitteln erworben. Statt drei Armen hat sie drei Beine.


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