Nach Schüssen auf André Sommer : Rockergewalt provoziert politischen Streit

Erst der Maulwurf-Skandal, dann ein Anschlag auf einen bekannten Rocker: Die Opposition im Berliner Abgeordnetenhaus will jetzt genau wissen, was sich da hinter den Kulissen tut. Das LKA beobachtet die Szene, hält sich aber mit neuen Informationen zurück.

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Treffpunkt für Rocker. Im „Germanenhof“ in Hohenschönhausen verkehren auch Fußballfans, vor allem des BFC Dynamo. Betreiber der Kneipe ist André Sommer, der am 10. Juni niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt wurde.Weitere Bilder anzeigen
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11.06.2012 18:06Treffpunkt für Rocker. Im „Germanenhof“ in Hohenschönhausen verkehren auch Fußballfans, vor allem des BFC Dynamo. Betreiber der...

Während André Sommer weiter im Koma liegt, haben Polizisten in der Nacht zu Montag die Wohnung und Kneipe des Rockerbosses durchsucht. Sie erhoffen sich Hinweise darauf, wer den 47-jährigen Gastronom am Sonntag in Hohenschönhausen niedergeschossen hat. Bewaffnete Beamte bewachen das Krankenzimmer des Hells Angel im Weddinger Virchow-Klinikum – schließlich lebt Sommer noch, während der Schütze wohl dessen Tod gewollt hatte. Hinzu kommt, dass Sommer den Täter erkannt haben dürfte.

Rocker, Beamte und Juristen gehen davon aus, dass sich Sommer an das Schweigegelübde halten wird, das unter Rockern üblich ist. Mitglieder der Hells Angels werden sich womöglich selbst um die Verfolgung des Täters kümmern. Die Angehörigen Sommers jedenfalls haben die Ärzte der Klinik nicht von ihrer Schweigepflicht entbunden. Diese Rechtstradition, erklärten Juristen, habe ein so hohes Gewicht, dass unwahrscheinlich sei, dass die Ärzte demnächst mit den Behörden über Details der schweren Schussverletzungen sprechen. Sommer ist verheiratet und hat zwei Söhne. Der 47-Jährige war bis vor zwei Wochen Präsident des Hells-Angels-Charters „Nomads“ im Osten der Stadt.

Von schwierigen Ermittlungen geht auch der Leiter des Landeskriminalamtes (LKA), Christian Steiof , aus. Er war für Montag in den Innenausschuss des Abgeordnetenhauses eingeladen worden – und zwar weil es bei geplanten Verboten von Dependancen der Hells Angels und der Bandidos vor zwei Wochen offenbar Pannen gegeben hatte. Die Rocker – auch die Nomads – hatten mit dem Vereinsverbot durch Innensenator Frank Henkel (CDU) gerechnet und ihre Gruppen aufgelöst. Die Rocker seien Steiof zufolge derzeit dennoch „stark verunsichert“. In Berlin würden Ex-Mitglieder der aufgelösten Hells-Angels-Charter nun „herumirren“, gleiches gelte für die Unterstützervereine, denen oft jüngere Männer angehören.

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Der Kampf gegen die kriminelle Rockerszene
Immer wieder sind Ermittler in den vergangenen Monaten mit Razzien gegen die Rockerszene vorgegangen. Erst im August 2012 hatte die Berliner Polizei mehrere Quartiere der Bandidos durchsucht. Dabei wurden schwere Waffen sicher gestellt, zum Beispiel dieses Sturmgewehr.Weitere Bilder anzeigen
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16.06.2012 17:41Immer wieder sind Ermittler in den vergangenen Monaten mit Razzien gegen die Rockerszene vorgegangen. Erst im August 2012 hatte...

In den vergangenen Jahren haben sich viele einst unabhängige Rockerklubs den Hells Angels oder Bandidos angeschlossen, die dadurch etwa im Rotlichtmilieu an Einfluss gewannen. Weil im Ausschuss aber weder Steiof noch seine ebenfalls anwesende Chefin, die amtierende Polizeivizepräsidentin Margarete Koppers, viel Aktuelles zur Rockerszene sagten, ärgerte sich die Opposition. Stundenlang hatten die Abgeordneten wohl auf Neues aus der Szene gewartet, die Sitzung endete jedenfalls mit einem Eklat: Grüne, Linke und Piraten griffen Senator Henkel scharf an, auch weil im Ausschuss über das mögliche Informationsleck bei den Behörden gesprochen werden sollte, durch das die Rocker von den bevorstehenden Verboten erfahren haben könnten.

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