Berlin : Nach Stich und Faden

Schneider Günter Adam flüchtete aus Ost-Berlin, gründete im Westen ein Geschäft und gehört nun zu den Letzten seiner Zunft

Heidemarie Mazuhn

Seit dem 1. April 1965 ist die Meinekestraße 6 ein Anlaufpunkt für Leute, die öffentlich eine gute Figur machen wollen. Prominente wie Klaus Kinski, Rudolf Schock, Paul Hörbiger und Günter Pfitzmann gehörten in den vergangenen vierzig Jahren zu den Kunden, die Günter Adams Ruf als „Promi“-Schneider im Westteil der Stadt begründeten. An den oben Genannten kann er aus irdischen Gründen nichts mehr verdienen – doch die Nähnadel setzt keinen Rost an. „Geh mal zu Adam“ ist noch immer ein Tipp unter denen, die coram publico einen guten Eindruck hinterlassen wollen.

So wie der auch privat immer geschniegelt und gebügelt gekleidete Max Raabe. Vor 14 Tagen erst hat sich der Sänger in der Meinekestraße 6 sein neuestes Adam-Stück abgeholt – einen Zweireiher aus grau gestreiftem Flanell. Klaus Maria Brandauer bevorzugt Schwarz und feinstes Tuch, auf dessen Qualität auch Wolfgang Völz Wert legt. Seit jüngstem gehört auch Udo Lindenberg zu den Kunden, der auf Empfehlung seines Bühnenkollegen Tim Fischer zu Adam kam. Einen Anzug und einen Mantel hat sich der Alt-Rocker inzwischen schon schneidern lassen, über dessen Maße der Schneidermeister wie über alle seine Kunden eisern schweigt.

Ansonsten plaudert der 69-Jährige gern, und zu erzählen hat er mehr als genug. Als 19-jähriger Schneidergeselle war er 1955 aus Weißensee in den Westen „geflitzt“, wie er berlinisch- schnoddrig aus seinem Leben erzählt. Das Münsterland und später Düsseldorf, wo er seinen Meister machte, waren Adams erste westliche Näh- und Lebensstationen. Um bei seiner Braut zu bleiben, hat er dabei zwischendurch auch mal in einer Möbelfabrik als Hilfsarbeiter geackert – „das ging dann aber trotzdem auseinander“, erinnert sich Günter Adam an seine erste Zeit nach der Flucht aus Ost-Berlin.

In der westlichen Hälfte seiner Heimatstadt landete er noch vor dem Mauerbau. Um im Notstandsgebiet West-Berlin bleiben zu können, musste man damals nachweislich ein Jahr bei einer Firma gearbeitet haben, erzählt der Schneidermeister. Auch davon, das man da nicht aufmucken durfte. „Da hätten’se dich gefeuert. Wir können ja einen aus dem Osten nehmen, haben sie gedroht.“ Das ging bis zum Mauerbau so und die billigen Fachkräfte aus dem Osten fehlten schlagartig. „Da bekam ich sozusagen über Nacht fast das doppelte Gehalt.“

Auf Dauer war das nicht genug. Am 1. April 1965 machte er sich in der Meinekestraße 6 selbstständig – bei einer damaligen Konkurrenz von etwa 300 niedergelassenen Schneidermeistern. Dass Adam zu der Handvoll gehört, die bis heute überlebt haben, hat er seinem „Promi“-Nimbus zu verdanken. Und den ernähte er sich 1967 in einer Nacht. Vormittags war da der Eiskunstlaufweltmeister Donald Jackson zu Adam ins Atelier gekommen, hatte Stoff ausgesucht und Maß nehmen lassen. Während Jackson seinen Auftritt im Sportpalast probte, schnitt Adam in der Meinekestraße zu. Anprobe war in den Sportpalast-Pausen, nachts wurde genäht und am nächsten Morgen geliefert. „Zuverlässig musst du sein, Qualität bieten und das Ganze möglichst fix“, erklärt Günter Adam seinen Ruf, dem auch Normalbürger folgen, die 1300 Euro pro maßgeschneidertem Anzug zahlen.

Selbst hat er sich bis heute kein Auto geleistet, dafür vor Jahren den Laden gekauft und mit seinem einzigen Hobby in ein Schmuckstück verwandelt – mit Möbelantiquitäten. Mittags gönnt er sich immerhin eine halbe Stunde Pause und ansonsten jedes Jahr Kur-Urlaub – „zweimal in Ungarn für die Knochen und einmal auf Ischia für Frohlocken und Lebensart“, witzelt Adam.

Seit der Wende erkundet er mit seiner Frau Beate, die 1961 noch zu ihm über den Stacheldraht geklettert ist, den Osten Deutschlands. Ins Umland nehmen sie die S-Bahn, ansonsten den Zug. Ostern waren sie in Naumburg an der Saale. „Die vielen Türme dort haben uns immer gelockt, wenn wir zu unserer Tochter nach Bamberg mit dem Zug daran vorbeigefahren sind“, sagt Adam.

Am Wochenende fährt er wieder dorthin, statt sein 40. Berufsjubiläum im Familienkreis zu feiern. Die Nadel legt der Workaholic ja sowieso noch nicht aus der Hand. „Wenn der Herr mich lässt, mach ich noch zehn Jahre“. Da können noch viele Promis sich zuraunen: „Geh mal zu Adam.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar