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Nach tödlicher Attacke am Alex : Henkel besucht zuständigen Polizeiabschnitt

Nach der tödlichen Gewalt am Alexanderplatz hat sich Innensenator Frank Henkel mit den zuständigen Beamten zusammengesetzt und über mögliche Maßnahmen für mehr Sicherheit beraten. Die Suche nach den Tätern geht indessen weiter.

von und Kerstin Hense
Gedenkort. In der Rathausstraße nahe dem Alexanderplatz halten Passanten immer wieder inne. Sie entzünden Kerzen und legen Blumen nieder, um des Getöteten zu gedenken.
Gedenkort. In der Rathausstraße nahe dem Alexanderplatz halten Passanten immer wieder inne. Sie entzünden Kerzen und legen Blumen...Foto: dapd

Aufgrund des Mordes und früherer Vorfälle am Alexanderplatz hat Innensenator Frank Henkel (CDU) nach Tagesspiegel-Informationen am Mittwochnachmittag den zuständigen Polizeiabschnitt 32 besucht und mit dessen Leitung beraten, was man tun könne, um die polizeiliche Präsenz zu erhöhen und die Sicherheit zu verstärken. Als vorläufiges Ergebnis des einstündigen Treffens wurde die Möglichkeit einer Nebenwache festgehalten, besetzt mit Bundes- und Landespolizisten, ähnlich wie früher am Bahnhof Zoo. Dies hatte bereits SPD-Innenexperte Tom Schreiber gefordert.

Die Belohnung ist ungewöhnlich hoch. Und doch haben die ausgelobten 15.000 Euro nach der tödlichen Gewaltattacke vom Alexanderplatz der Mordkommission noch nicht den erhofften Erfolg beschert.

Wie die Polizei mitteilte, sind bis zum Mittwochnachmittag 19 Hinweise eingegangen – der entscheidene war bisher offenbar noch nicht darunter. Die Hinweise würden nun von den Fahndern ausgewertet, die dafür rund um die Uhr im Einsatz sind. Die Ermittler der Polizei versuchen so, den sieben Tatverdächtigen auf die Spur zu kommen, die den 20-jährigen Jonny K. am Wochenende durch Schläge und Tritte so schwer verletzt haben, dass er im Krankenhaus später gestorben ist.

Einige Ermittler sind ausschließlich damit beschäftigt, die Videoaufzeichnungen der umliegenden Geschäfte am Tatort auszuwerten. „Das ist eine sehr kleinteilige und akribische Arbeit“, sagt Chefermittlerin Jutta Porzucek. Ein Ergebnis ist noch nicht bekannt. „Wir gehen auch nicht davon aus, dass die Tat als solche auf den Videos dokumentiert ist“, hieß es. Und trotzdem könne jede Beobachtung enorm wichtig sein. Die Täter müssen den Ort ja irgendwie verlassen haben – ob zu Fuß, mit der Tram, der U- oder S–Bahn oder mit dem Auto.

Schwer verletzt wurde bei dem Überfall der 29 Jahre alte Freund des Toten. Er ist einer der wichtigsten Zeugen jener Nacht. Die beiden hatten einen betrunkenen Bekannten aus dem auch von Firmen oft gebuchten Nachtclub Mio am Alexanderplatz geholt, um ihn in ein Taxi zu setzen – doch diese Hilfsbereitschaft kostete Jonny K. schließlich das Leben. Der 29 Jahre alte Freund hingegen hat den Überfall überlebt, trug aber Frakturen am Jochbein und am Schädel davon.

Trauer am Alexanderplatz
In der Marienkirche zeigt Tina einen Anhänger in die Kameras. Jeder in der Familie hat ein. Auch ihr getöteter Bruder Jonny.Weitere Bilder anzeigen
1 von 22Foto: dpa
24.10.2012 18:04In der Marienkirche zeigt Tina einen Anhänger in die Kameras. Jeder in der Familie hat ein. Auch ihr getöteter Bruder Jonny.

„Es war schrecklich. Wir wollten einem Menschen helfen, dem es dreckig ging“, erzählt der 29-Jährige, der anonym bleiben möchte. Das Geschehen am Alexanderplatz gegen 4 Uhr schildert er so: Sie hätten die Gruppe von sieben Männern – die Polizei beschreibt sie als „Südländer“ – schon aus der Ferne gehört, als sie gerade den Mio-Club verlassen hatten. Die Stimmung sei aggressiv gewesen. Einige der späteren Täter hätten laut geschimpft. Die zwei späteren Opfer liefen ein paar Schritte Richtung Rathauspassage, den Betrunkenen schleppten sie bis zur Terrasse eines Eisladens und setzten ihn dort auf ein Stuhl. Ein weiterer Freund lief los und wollte ein Taxi finden.

Dann sei die Situation plötzlich eskaliert. Die Männer, von denen sie verfolgt wurden, wollten den Betrunken vom Stuhl herunterstoßen, daraufhin habe sich Jonny eingemischt. „Doch die sind sofort auf Jonny losgegangen und haben ihn geschlagen und getreten“, berichtet der 29-Jährige. „Jonny war hilflos, weil er noch nie in seinem Leben in eine Schlägerei verwickelt war.“ Als der Freund am Boden gelegen habe, hätten sie immer weiter auf ihn eingetreten. „So etwas Aggressives habe ich noch nie erlebt.“

Gemerkt hat sich der 29-Jährige ein kleines Detail: einer der Männer sei nur mit einem dünnen Hemd bekleidet gewesen. Daher vermutet er, dass die mutmaßlichen Täter gerade aus dem nur wenige Meter entfernten Club Cacun am Alexanderplatz kamen. Zudem habe ihm „ein Polizist hinterher erzählt, dass sie aus dem Cancun rausgeflogen sind, weil sie so betrunken waren. Vorher sollen sie wohl auch versucht haben, ins Mio zu kommen. Vielleicht waren sie deshalb so wütend“, vermutet der 29-Jährige.

Ja, „bei uns waren einige südländische Besucher stark alkoholisiert“, bestätigt Cancun-Betriebsleiter Amir F., 35. Ob jemand herausgeflogen sei, könne er nicht genau sagen. „Das ist Sache unserer Security-Mitarbeiter. Damit haben wir nichts zu tun.“ Bei der Staatsanwaltschaft hieß es dazu: „Zu einzelnen Ermittlungserkenntnissen äußern wir uns nicht.“

Amir F. sei von dem Überfall in der unmittelbaren Nähe seines Lokals tief erschüttert. „Dass so etwas in der Nachbarschaft passieren konnte, kann ich noch immer nicht glauben.“ Rund 300 Gäste – andere Quellen sprechen von 700 – , überwiegend türkischer und arabischer Abstammung hätten am vergangenen Samstag sein Lokal besucht, berichtet Amir F. Die meisten hätten fröhlich und ausgelassen zur Musik eines türkischen DJs getanzt. „Bei uns hat es noch nie eine Schlägerei gegeben“, sagt Amir F.

Von der Tat in jener Nacht habe er nichts mitbekommen. Erst als ein Polizeiauto und ein Rettungswagen vor seiner Tür vorbeifuhren, habe er gedacht, „dass hier etwas nicht stimmt“. Trotzdem könne er nicht begreifen, dass niemand etwas gehört oder gesehen habe. Ständig gehe doch jemand vor die Tür, an die frische Luft. „Warum hat niemand etwas mitbekommen?“ Im Cancun überlegen sie nun, ob noch mehr Türsteher benötigt werden. „Ich habe schon viel im Nachleben gesehen“, sagt Amir F. „Aber so etwas habe ich noch nicht erlebt und will ich auch nie wieder erleben.“

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