Berlin : Nach Tumult im Wrangelkiez: Polizei geht auf Jugendliche zu

Erstes Krisengespräch zur Lage im Kreuzberger Viertel Anwohner und Behörden einigen sich auf vertrauensbildende Maßnahmen

Ralf Schönball

Ein überraschendes Bündnis zeichnet sich im Wrangelkiez ab: Die Polizei und die Kreuzberger Straßenjungen, die sich noch vor einer Woche bei einer Verhaftung feindselig gegenübergestanden hatten, bezeichneten ein Krisengespräch gleichlautend als „absolut positive Begegnung“. Die Gespräche, an denen auch Politiker und Quartiersmanager beteiligt sind, werden fortgesetzt.

Polizeisprecher Marcel Kuhlmey kündigte ein Bündel von Maßnahmen zum Aufbau von Vertrauen an: eine wöchentliche Kiezsprechstunde der Polizei vor Ort, die Benennung von Ansprechpartnern für Bürger und eine stärkere Kooperation mit Jugendeinrichtungen.

Die „Deutschtürken“, wie sie sich bewusst nennen, lenkten wiederum nach dem Krisengespräch am Montagabend ein. „Wir haben akzeptiert, dass der Einsatz von Handschellen gegen die beiden 12-jährigen mutmaßlichen Räuber am vergangenen Dienstag der Sicherheit der Polizisten diente“, sagte Senol Kayaci. Der 32-Jährige ist der Wortführer der Jugendlichen im Kiez.

Bezirksbürgermeister Franz Schulz bilanzierte die Gespräche so: „Im Wrangelkiez gibt es keine No-go-areas“. Das Quartier sei aber im Umbruch und die hohe Arbeitslosigkeit sowie Bildungsdefizite schafften Probleme.

Dem Bezirksbürgermeister und der Polizei zufolge ist der Wrangelkiez auch kein Gebiet mit erhöhter Jugendkriminalität. Laut Bernhard Kufka, Leiter der Direktion 5, „müssen wir aber die Distanz überwinden und im Gespräch bleiben“.

Jugendstadträtin Monika Herrmann erteilte einer Forderung, die von Jugendlichen wiederholt erhoben wurde, eine klare Absage: „Es wird kein neues Jugendzentrum geben“, sagte sie. Das bestehende Angebot sei ausreichend. Nach Angaben von Erika Hausotter, Quartiersmanagerin im Wrangelkiez, bestehe bereits ein Betreuungsangebot, das die Menschen von der Geburt bis zum Eintritt in das Berufsleben begleite.

Dagegen sagte der SPD-Abgeordnete Stefan Zackenfels, die Jugendlichen hätten ihn davon überzeugt, dass die gegenwärtigen Betreuungsangebote im Kiez nicht ausreichten. Öffnungszeiten, Zahl und Qualität seien nicht geeignet, die Heranwachsenden von der Straße zu locken. „Die Politik wird die Qualität des Quartiersmanagements genauer ansehen müssen“, sagte Zackenfels.

Für eine Einbindung der teilweise bereits erwachsenen Deutschtürken bei der Lösung der Probleme sprach sich auch Ahmet Iyidirli aus. Der Bundesvorsitzende der Föderation der Volksvereine türkischer Sozialdemokraten sagte: „Sie wollen mitmachen und mitgestalten.“ In der Bereitschaft der jungen Männer, auf einen gewaltfreien Kiez hinzuarbeiten, sieht er große Chancen.

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