Nach Unfällen in Berlin : Wie lässt sich die Fahrtüchtigkeit von Senioren prüfen?

Wiederholte Unfälle in Berlin haben eine Debatte über Senioren am Steuer ausgelöst. Die Schweiz hat sich schon entschieden: Dort sind Gesundheitstests seit Jahrzehnten vorgeschrieben.

Sima Djabar Zadegan
Wer in höherem Lebensalter selbst am Steuer sitzt, muss in Deutschland in der Regel niemandem Rechenschaft ablegen.
Wer in höherem Lebensalter selbst am Steuer sitzt, muss in Deutschland in der Regel niemandem Rechenschaft ablegen.Foto: dpa/Alexander Körner

Ruth Lötscher sitzt nervös im Wartezimmer ihres Hausarztes in der Schweiz. Der 84-Jährigen steht eine kleine Prüfung mit großen Folgen bevor: Ein Seh- und Gehörtest, Gleichgewichtsübungen, ein Reaktionstest und weitere vorgeschriebene Untersuchungen, dann entscheidet der Arzt, ob sie ihren Führerschein für zwei weitere Jahre behalten darf. Was bei den Eidgenossen seit mehr als vierzig Jahren selbstverständlich praktiziert wird, ist in Deutschland höchst umstritten und nahezu ein Tabuthema. Es geht um Gesundheits- und Fahrtests für Senioren, von denen abhängt, ob sie weiterhin ein Fahrzeug steuern dürfen.

Nach mehreren Unfällen in Berlin, bei denen betagte Fahrer am Steuer saßen, wird auch an der Spree über die Einführung solcher Tests erneut heftig diskutiert. Zeit zu fragen: Welche Erfahrungen hat damit die Schweiz?

Die Prozedur kennt Ruth Lötscher seit 14 Jahren, sechs Mal hat sie die Prüfung schon bestanden. „Und das mit Bravour“, sagt die rüstige Seniorin nicht ohne Stolz. Sie hofft, ihren Hausarzt auch zum siebten Mal zu überzeugen, dass sie nach der Sprechstunde weiterhin bestens in ihrem Toyota nach Hause fahren kann.

Ähnlich wie Ruth Lötscher geht es rund 800.000 Frauen und Männern in der Schweiz, die mit über 70 noch am Steuer unterwegs sind. Anders als in Deutschland, wo der Führerschein auf Lebenszeit ausgestellt wird, ist in der Schweiz die medizinische Überprüfung der Fahrtauglichkeit alle zwei Jahre für Autofahrer ab 70 per Gesetz obligatorisch. Und das seit den frühen 1970er Jahren.

Viele lehnen eine regelmäßige Überprüfung der Fahrtauglichkeit ab

Geklärt werden soll dabei, ob ein älterer Mensch die gesundheitlichen Voraussetzungen zum sicheren Lenken eines Fahrzeugs noch erfüllt. Andere wichtige Fahrkompetenzen wie die Kenntnis der Verkehrsregeln oder die sichere Fahrweise werden nicht überprüft. Speziell für Senioren konzipierte Theoriekurse und praktisches Fahrtraining bietet der Touring Club Schweiz (TCS) aber auf freiwilliger Basis an. Das Departement für Umwelt, Verkehr und Energie legt die gesetzlich verordneten medizinischen Mindestanforderungen für Lenker ab 70 fest. Wichtige Kriterien: Ein Gesichtsfeld von 120 Grad, keine organisch bedingte Hirnleistungsstörungen wie Demenz und keine medikamentös schwer kontrollierbaren Stoffwechselerkrankungen.

Den Test führt der Hausarzt durch. Zweifelt er, ob ein älterer Patient tatsächlich fahrtüchtig ist, kann er ihn zu einem Verkehrsmediziner schicken – zur weiteren Abklärung. Wenn dieser den Eindruck des Hausarztes bestätigt, die betroffene ältere Person aber partout den Führerschein behalten will, ist die letzte Chance ein baldiger Praxistest: Senior oder Seniorin müssen dann zu einer offiziellen Fahrprüfung antreten.

In Deutschland ist dieses Verfahren (noch) undenkbar. Eine regelmäßige Überprüfung der Fahrtauglichkeit wird von vielen rigoros abgelehnt – von den meisten politischen Parteien bis hin zum Allgemeinen Deutschen Automobilclub (ADAC). Welche Fakten sprechen für oder gegen entsprechende Tests?

Die Unfallstatistiken von Deutschland und der Schweiz unterscheiden sich kaum: An den meisten Verkehrsunfällen in beiden Ländern sind zwar die unter 25-jährigen Autofahrer beteiligt. Fakt ist aber auch, sagen Unfallforscher: Das Risiko, einen Unfall selbst zu verursachen und dadurch auch andere Verkehrsteilnehmer zu gefährden, steigt mit 75 Jahren deutlich an. Drei von vier Unfällen, in die über 75-jährige Autofahrer verwickelt sind, gehen auf das Fehlverhalten der jeweiligen Senioren zurück. Aus dieser Erkenntnis werden in beiden Ländern aber verschiedene Konsequenzen gezogen.

Das Unfallrisiko steigt ab 75 Jahren stark an

Verkehrsmediziner des eidgenössischen Instituts für Rechtsmedizin in Zürich kennen die gesundheitlichen Probleme, die auf ältere Menschen zukommen. Vor allem ein Umstand sei zu berücksichtigen, heißt es: „Senioren merken oft nicht, dass ihre Sinnesorgane wie zum Beispiel die Sehschärfe nachlassen.“ Das sei normal, da es sich meist um relativ langsame Entwicklungen handle. Deshalb übernehme in dieser Situation der Schweizer Staat die Verantwortung für seine älteren Bürger. Die obligatorische Fahrtauglichkeitsprüfung soll eventuell unerkannte Gesundheitsdefizite aufdecken.

Wie viele Schweizer jährlich ihren Führerschein abgeben müssen, wird statistisch erfasst. Seit 2011 waren durchschnittlich jedes Jahr 0,5 Prozent aller über 70-jährigen Fahrer betroffen. Sie mussten auf ihren Ausweis wegen „Nichteignung durch Krankheit und Gebrechen“ verzichten. Die Anzahl der Betroffenen vermehrt sich mit steigendem Alter stark: So sind die behördlich verfügten Entzüge bei über 75-Jährigen doppelt bis dreifach so hoch wie bei den 71- bis 74-Jährigen.

Wirklich freiwillig gibt niemand seinen Führerschein ab

Es gibt aber auch etliche ältere Schweizer, die aus eigenem Verantwortungsgefühl ihre Fahrerlaubnis freiwillig abgeben. „Deren Zahl dürfte die Anzahl der Entzüge um ein Mehrfaches übertreffen“, sagt Thomas Rohrbach, Sprecher des Bundesamtes für Straßen.

Beim Stichwort „freiwillig“ zuckt Ruth Lötscher zusammen. Wirklich freiwillig gebe keiner ihrer Bekannten den Führerschein ab. „Einige lassen sich zu schnell von den Ärzten zur freiwilligen Abgabe überreden“, meint sie. Andererseits wollten die meisten, die tatsächlich gesundheitlich zu stark eingeschränkt sind, nicht offen dazu stehen. „Da schieben sie lieber Umweltschutz als Grund vor, warum sie den Schein abgeben“, sagt Lötscher. Das Thema sei für die Senioren heikel. Ohne Führerschein müsste auch Ruth Lötscher ihren Alltag komplett neu strukturieren – und zu großen Teilen auf ihre Eigenständigkeit verzichten.

Die medizinischen Kontrollen sind aber auch in der Schweiz umstritten. Aus Sicht von Uwe Ewert, Forscher bei der Beratungsstelle für Unfallverhütung, senken sie das statistische Unfallrisiko der Senioren unterm Strich keineswegs. „Im Gegenteil“, sagt er. Denn als Fußgänger seien ältere Menschen einem viel höheren Risiko ausgesetzt. Andere Kritiker bemängeln, die Altersgrenze sei zu tief angesetzt. Davon ließ sich das Schweizer Parlament überzeugen. Voraussichtlich ab 2018 müssen Senioren erst ab 75 Jahren ihre Fahrtauglichkeit kontrollieren lassen.

Ruth Lötscher findet die Kontrollen richtig, obwohl sie davor jedes Mal nervös ist. „Trotzdem fahre ich noch so lange, wie es geht.“

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