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Nach verhinderter Zwangsräumung : In einer Woche rückt die Polizei wieder an

Die Zwangsräumung einer schwerbehinderten Rentnerin aus Reinickendorf wurde in letzter Minute durch das Landgericht verhindert - vorerst. Nun wird erneut über den schwierigen Fall der alten Frau beraten, die die Wohnung offenbar komplett verkommen ließ.

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Viele der Demonstranten sehen die Zwangsräumung als einen Ausdruck der Gentrifizierung in Berlin.
Viele der Demonstranten sehen die Zwangsräumung als einen Ausdruck der Gentrifizierung in Berlin.Foto: Björn Kietzmann

Die geplante Zwangsräumung für heute Morgen um 9 Uhr in der Aroser Allee in Reinickendorf hat nicht stattgefunden. Wie der Tagesspiegel berichtete, hatte das Bündnis "Zwangsräumung verhindern" dazu aufgerufen, die Zwangsräumung der 67-jährigen schwerbehinderten Rentnerin Rosemarie F. zu verhindern. Rund 200 Aktivisten hatten sich bereits ab 8.30 Uhr an der Aroser Allee/ Ecke Grindelwaldweg versammelt. Sie trommelten und riefen laute Protestparolen wie "Rosemarie muss bleiben" und "Stoppt diesen Wahnsinn".

Bis zur Wohnung konnten sie nicht vordringen, da diese von der Polizei mit Absperrgittern blockiert worden war. Rund 100 Beamte waren im Einsatz. Neben dem Bündnis "Zwangsräumung verhindern" unterstützten auch Politiker wie Klaus Lederer, Landesvorsitzender der Linkspartei, und der Berliner Abgeordnete der Piratenpartei, Simon Kowalewski, die Aktion. "16 Polizeiautos vor Ort, um die Zwangsräumung einer Schwerbehinderten zu ermöglichen und Reinickendorf zu gentrifizieren", twitterte Kowalewski. "In so einer schwierigen Situation die Wohnung zu verlieren, ist kontraproduktiv", sagte er.

Die Rentnerin selbst war nach Angaben eines Polizeisprechers nicht mehr in der Wohnung. Sie habe das Haus gegen 7 Uhr mit einem Rucksack auf dem Rücken verlassen.

Sehen Sie hier das Video zur geplanten Wohnungsräumung:

Erst vor zwei Wochen hatten die Aktivisten bei der Familie Gülbol in Kreuzberg, flankiert von einem Großeinsatz der Polizei, für öffentliches Aufsehen gesorgt. Doch der Fall von Rosemarie F. ist nicht so eindeutig, wie er zunächst wirkt und wirft die Frage nach den Grenzen der Solidarität auf. "Die Demonstration wird diesem Fall ganz sicher nicht gerecht", sagte Gesundheitsstadtrat Uwe Brockhausen (SPD) dem Tagesspiegel. Schon seit längerem gibt es im Haus zwischen Rosemarie F. und anderen Anwohnern massive Probleme. "Sie klingelt nachts an unserer Tür und hat Fischfond über unsere Fußmatte gegossen", sagt ein Anwohner. Ein anderer berichtet, die Rentnerin uriniere häufiger ins Treppenhaus. Wegen zahlreicher Beschwerden der Anwohner hatte die Vermieterin vor einem halben Jahr Kontakt mit dem sozialpsychiatrischen Dienst aufgenommen, aber die Mitarbeiter seien nicht an Rosemarie F. herangekommen.

Protest gegen Zwangsräumung
Etwa 200 Aktivisten versammelten sich am frühen Mittwochmorgen vor dem Haus von Rosemarie F.. Die Wohnung 67-jährigen Schwerbehinderten sollte zwangsgeräumt werden.Alle Bilder anzeigen
1 von 5Foto: Björn Kietzmann
27.02.2013 13:44Etwa 200 Aktivisten versammelten sich am frühen Mittwochmorgen vor dem Haus von Rosemarie F.. Die Wohnung 67-jährigen...

Die Rentnerin habe sich vollkommen in ihrer Wohnung isoliert und niemanden mehr hereingelassen, noch nicht einmal Handwerker oder den Schornsteinfeger. Da sie auch die Kontaktversuche zum Sozialamt abgeblockt habe, solle man sich dort nicht mehr zuständig gefühlt haben und daraufhin seien ihr sämtliche Zahlungen gestrichen worden. "Wir haben nicht ein einziges Mal unsere Miete, 350 Euro pro Monat, erhalten. Strom und Gas wurde wegen hoher Zahlungsrückstände bereits abgestellt", sagte Rosemarie F.'s Vermieterin, die die Wohnung vor einem halben Jahr erworben hatte.

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