• Nach Zwischenfall in Prenzlauer Berg: Übergriff im Bad - und warum nichts im Polizeibericht stand

Nach Zwischenfall in Prenzlauer Berg : Übergriff im Bad - und warum nichts im Polizeibericht stand

Zwei 16-Jährige begrapschen zwei Mädchen im Schwimmbad: laut Polizei eher ein Einzelfall. Sie erklärt, wieso das nicht in ihrem Bericht steht.

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Mit Flugblättern und Aushängen versuchen Schwimmbäder bundesweit darüber aufzuklären, was sexuelle Belästigung ist.
Mit Flugblättern und Aushängen versuchen Schwimmbäder bundesweit darüber aufzuklären, was sexuelle Belästigung ist.Foto: dpa

Die Schwimmmeisterin reagierte sofort. Als sie sah, dass zwei etwa 16-jährige Jungen badende Mädchen begrapschten, sprach sie die beiden an und zwang sie, das Becken sofort zu verlassen. Und sobald die 12 und 13 Jahre alten Mädchen bestätigten, dass die Jungs sie an ihre Oberschenkel gegriffen hätten, rief die Bademeisterin die Polizei. Rund zehn Beamte rückten an, die Personalien der potentiellen Täter vermutlich afghanischer Herkunft wurden aufgenommen, ein Hausverbot fürs Schwimmbad wurde ausgesprochen – dann konnte das Duo in seine nahe Notunterkunft für Flüchtlinge zurückkehren.

Der Vorfall geschah bereits vor drei Wochen in der Schwimmhalle des Europasportparks an der Paul-Heyse-Straße in Prenzlauer Berg, wurde aber erst jetzt durch einen Zeugen bekannt, der sich an den Tagesspiegel wandte. Er fragte: Wieso hatte die Polizei das Geschehen nicht gemeldet? Und wie häufig finden in Berlins Schwimmbädern solche Übergriffe statt?

Ein Polizeisprecher sowie die Bäderbetriebe bestätigten am Wochenende den Einsatz. Gegen die zwei Jugendlichen werde „wegen Beleidigung“ ermittelt. Das erledigt die örtlich zuständige Polizeidirektion. Hätten sie die Mädchen statt an die Oberschenkel in den Intimbereich gefasst, müssten die beiden mit einem noch schwerwiegenderen Vorwurf rechnen. Dann würde gegen sie wegen einer „Beleidigung auf sexueller Grundlage“ ermittelt – und zwar von einem Dezernat für Sexualdelikte der Kriminalpolizei.

Statistisch sind solche Übergriffe laut Polizei "eher Einzelfälle"

Im Oktober hatte es bereits einen Übergriff im Kombibad Mariendorf gegeben. Der war allerdings gravierender. Wie berichtet, kreisten sieben Jungen überwiegend syrischer Herkunft drei 9- bis 14-jährige Mädchen ein und fassten sie an Po und Brüste. Einer Elfjährigen gelang es, sich loszureißen und um Hilfe zu rufen. Die Polizei wurde alarmiert – und in diesem Fall gilt nun der Vorwurf: „Beleidigung auf sexueller Grundlage“.

Gleichwohl sind solche Übergriffe, die in diesem Jahr bislang offenbar überwiegend von Jugendlichen arabischer Herkunft oder aus Afghanistan ausgingen, in Berlins Bädern „eher Einzelfälle“, so die Polizei. Statistisch werden sie nicht extra erfasst, sondern nur zusammen mit Beleidigungsfällen völlig anderer Art registriert. Deshalb kann die Polizei keine genauen Zahlen vorlegen.

Dies gilt auch für andere Städte wie Hamburg oder Duisburg, wo die Beamten in diesem Jahr ebenfalls zu sexuellen Nötigungen gerufen wurden. Im Duisburger Rhein-Ruhr-Bad beispielsweise umzingelten Mitte September zehn Männer zwei Fünfzehnjährige. Doch auch die Polizeisprecher beider Städte warnen davor, das Problem „zu hoch zu hängen“, so der Kommentar in Duisburg. „Nach allem, was uns auf den Tisch kommt, sind es nur vereinzelte Fälle“, heißt es in der nordrhein-westfälischen Stadt.

Tatsächlich sind selbst auf ausländerfeindlichen Websites und Facebook-Plattformen wie beispielsweise „YX-Einzelfall“ für 2016 bundesweit kaum mehr als 80 Übergriffe in Schwimmbädern aufgeführt. Und das ohne jede Vergleichszahl, wie viele ausländische oder deutsche Tatverdächtige daran beteiligt waren.

Berliner Bäderbetriebe: Man nehme die Fälle "sehr ernst"

Aber wieso stehen die meisten dieser Vorfälle nicht im öffentlichen Polizeibericht? „Das hat mit dem gebotenen Opferschutz und dem Schutz von Minderjährigen zu tun“, erklärt ein Sprecher der Berliner Polizei. Grundsätzlich würden nur „besonders schwerwiegende Sexualdelikte“ vermeldet, vor allem, wenn Zeugen gesucht werden.

Von Einzelfällen sprechen auch die Berliner Bäderbetriebe. Gleichwohl nehme man diese „sehr ernst“, heißt es. Man versuche, sie ebenso zu verhindern wie Randale und Aggressionen von Jugendlichen. Dazu nehmen Bademeister an Deeskalationsschulungen teil, in besonders gefährdeten Bädern patrouillieren Security-Leute, und „sehr erfolgreich“ seien vor allem in Neukölln und Pankow die sogenannten Konfliktlotsen. Das sind in Deeskalation trainierte ehrenamtliche Helfer mit unterschiedlichem Alter, verschiedener Herkunft und Religionszugehörigkeit. Motto: „Bleib cool am Pool!“

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