Berlin : Nachbarn im Anflug

Bereits jeder zehnte Passagier kommt aus Polen. Für viele ist Berlin-Brandenburg näher als Warschau.

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Landung nahe der Grenze. Die Berliner Flughäfen wie der in Schönefeld werden mittlerweile von vielen Polen genutzt. Foto: dpa/Patrick Pleul
Landung nahe der Grenze. Die Berliner Flughäfen wie der in Schönefeld werden mittlerweile von vielen Polen genutzt. Foto:...Foto: dpa

Komfortowe Parkowanie. Auf Polnisch wirbt der Flughafen für seine Stellplätze vor dem Terminal – zu Deutsch: „Komfortables Parken“. Und das Angebot wird angenommen, das ist beim Blick auf die Kennzeichen all der Autos zu erkennen, die hier draußen auf dem Parkplatz in Schönefeld stehen. Sie kommen aus den Wojewodschaften Zachodniopomorskie, Wielkopolskie, Lubuskie – also aus den Verwaltungsbezirken Westpommern, Großpolen und Lebus.

Weit mehr als eine Million Passagiere verzeichnen die Berliner Flughäfen pro Jahr. Tendenz steigend, schließlich öffnet der neue Flughafen am 3. Juni in Schönefeld, bis zur Landesgrenze sind es nur 82 Kilometer. Schon heute, sagt ein Flughafensprecher, nutzten 700 000 Polen den Schönefeld Airport – jeder zehnte Passagier. Auf dem Parkplatz vor dem Terminal stehen nicht nur die Opel und Volvos mit dem „PL“ im Kennzeichen, sondern auch Kleinbusse. Pro Woche sind 600 Shuttlefahrzeuge zwischen Berlins Flughäfen und den westpolnischen Städten Stettin, Breslau und Poznan unterwegs.

„English? German?“ Nein, sagt einer der Fahrer auf dem Parkplatz in Schönefeld, er spreche nur polnisch. Ein Insasse kommt zur Hilfe und erzählt: Krzysztof, 55, fliegt eigentlich immer beruflich von Tegel, aber diesmal sei er ausnahmsweise mit der Maschine aus Katar in Schönefeld gelandet. Der Kleinbus, in dem er sitzt, verkehrt ein- bis zweimal täglich zwischen Stettin und den Berliner Flughäfen, um polnische Geschäftsleute oder Urlauber nach Hause oder weg zu bringen. 190 Kilometer Autobahn bis zum Gate – bis zum internationalen Flughafen in Warschau sind es 566 Kilometer von Stettin. „Zu unserem Einzugsgebiet gehört Westpolen schon fest dazu. Wir sind für viele viel näher als Warschau“, sagt Leif Erichsen, der Berliner Flughafensprecher.

In einen Sprinter in Schönefeld steigen gerade fünf Leute ein. „Wir sind gerade aus Bergen angekommen, Norwegen, und haben jetzt einen Monat frei“, sagt einer. „Bei uns ist das so: Wir arbeiten einen Monat und haben dann einen Monat Urlaub. Wir fahren Bagger und Muldenfahrzeuge in einem Steinbruch bei Bergen. Wir fliegen immer von hier, der Flughafen liegt einfach am nächsten.“ Dann winken sie und machen sich mit ihrem Bus auf den Weg nach Swinoujscie, Swinemünde, auf dem polnischen Teil von Usedom. 270 Kilometer sind es bis zur Ostseeküste.

Das Einzugsgebiet des neuen Flughafens reicht weit, nicht nur nach Norden, Westen, Süden, vor allem nach Osten. Jarek, 43, steigt gerade aus seinem Geländewagen. Er ist aus Poznan angereist, 260 Kilometer mit dem Auto. Jetzt will er nach Barcelona. „Business“, sagt er. Ungefähr einmal im Monat fliegt er von Schönefeld zu Geschäftsterminen. Er profitiert besonders von der neuen Autobahnstrecke Poznan–Berlin, die am 30. November eröffnet wurde. „Ich brauche nur zweieinhalb Stunden mit dem Auto, und auch mit Parkplatz ist es für mich insgesamt günstiger, als von Poznan aus zu fliegen.“ Nach Warschau sei es für ihn zu weit. Dann macht er sich mit seinem Trolley auf zum Terminal.

Die Berliner Flughäfen sind nach eigenen Angaben vorbereitet auf Andrang aus dem Nachbarland. Es gibt Terminalpläne auf Polnisch, auch die Internetseite ist nicht nur auf Deutsch und Englisch, ein Klick, und schon öffnet sich die polnische Variante. An den Infoschaltern sitzen Mitarbeiter, die auch die Sprache des Nachbarlandes beherrschen. „Serdecznie witamy.“ – „Herzlich Willkommen.“

Ein Kombi hält, alle vier Türen gehen auf, fünf Passagiere holen ihr Gepäck aus dem Kofferraum. „Wir fliegen jetzt nach London, wir wohnen dort“, sagt Jakob, 24. Mit Frau, Kind, Schwiegervater und Kumpel ist er unterwegs. Sie kommen aus dem kleinen Skwierzyna, zu Deutsch: Schwerin an der Warthe, in der Woiwodschaft Lebus und haben gerade 160 Kilometer Autofahrt hinter sich. „Für uns ist es teurer, von Schönefeld aus zu fliegen“, sagt er, „aber ich habe keine Lust, nachts aufstehen zu müssen, um um sechs Uhr morgens in Poznan ins Flugzeug zu steigen. Die Verbindung in Schönefeld ist einfach komfortabler.“ Sie kommen gerade von der Verwandtschaft und müssen nun zurück zur Arbeit nach London. Solche Geschichten erzählen viele hier. Auch Robert Muszynski, 29, fliegt oft geschäftlich von Schönefeld. „Nach Brüssel“, sagt er. „Von Poznan aus gibt es keine Verbindung, deshalb fahre ich immer nach Schönefeld.“ Die Umsteigestation für Polen.

Künftig werden noch viel mehr Ziele von Schönefeld aus zu erreichen sein, wenn der neue Großflughafen nach knapp sechs Jahren Bauzeit eröffnet wird. Allein die Lufthansa wird auf dem neuen Airport auf einen Schlag 30 Ziele mehr bedienen als bisher, und auch die Berliner „Stammgesellschaften“ wie Easyjet und Air Berlin werden ihre Routen aufstocken. Und die Bahn schickt Züge vom neuen Flughafenbahnhof direkt nach Polen.

Sechs Jahre Bauzeit, noch viel länger dauerte die Planung. Und am Ende wurde es dann doch ganz schön knapp. Denn sechs Tage nach der Eröffnung beginnt die Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine. „Wir erwarten deshalb noch mehr Verkehr nach Polen“, sagt der Flughafensprecher. Gespielt wird in Wroclaw, Breslau, bis dorthin sind es für die Fans 330 Kilometer. Und auch in Poznan, Posen, wird gespielt. Einige Italiener, die dort elf Tage nach der Flughafeneröffnung gegen Kroatien spielen, kennen zumindest schon den Weg: Als vor einem Jahr Juventus Turin im Europapokal bei Lech Posen antrat, landeten die italienischen Fans – in Schönefeld.

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