Berlin : Nachdenken? Bloß nicht immer!

Konstantin Wecker sinniert und grübelt, abschalten kann der Liedermacher am Klavier. „Da bin ich selig“. Jetzt kommt er nach Berlin

 Daniela Martens
Ein bisschen Macho, Macho. Wecker tourt gerade durchs Land. „Im Friedrichstadt-Palast aber“, sagt er, „war ich noch nie.“ Foto: dapd/Lukas Barth Foto: dapd
Ein bisschen Macho, Macho. Wecker tourt gerade durchs Land. „Im Friedrichstadt-Palast aber“, sagt er, „war ich noch nie.“ Foto:...Foto: dapd

Manches vergisst man einfach. „Ich glaube, ich war noch nie im Friedrichstadt-Palast“, sagt Liedermacher Konstantin Wecker. Dann denkt er kurz nach und ergänzt: „Vielleicht habe ich aber mal zur DDR-Zeit dort gesungen.“ Aber sicher ist er da nicht. Naja, Konstantin Wecker hat mit 64 immerhin ein langes, wildes Musikerleben mit vielen Konzerten hinter sich – auch in der DDR. „Ich hatte immer diese Verbundenheit zu Ostdeutschland“, sagt der Münchner mit bayerisch gerolltem R. Einen bekennenden Linken nennen ihn die Leute, obwohl er niemals in der Partei Die Linke war – das ist ihm wichtig.

Vielleicht kommt die Erinnerung an den DDR-Auftritt ja zurück, wenn er am Montagabend mit seiner Band im Friedrichstadt-Palast auf der Bühne stehen wird. „Wut und Zärtlichkeit“ heißt seine Tournee – wie die CD, die gerade erschienen ist und eins der Lieder darauf, für Wecker das wichtigste: „Es beschreibt, was gerade in mir los ist.“ Er freut sich immer vor allem auf die gefühlvollen Momente bei einem Konzert. Denn bei der Musik geht es ihm vor allem um Emotionen: „Ich stehe zu meinem Pathos. Es gibt Momente, in denen Kunst pathetisch sein muss. Deutsche haben aber Angst vor zu viel Gefühl.“ Er nicht: „Ich bin überhaupt nicht rational, deshalb mache ich Kunst. Die schönste Seligkeit ist die des Nichtnachdenkens am Klavier.“

Aber als alter Profi weiß er auch, dass „man nicht zu lange mit bewegenden Texten auf die Leute einschlagen darf, sonst sind sie irgendwann erschlagen“. Nicht nur deshalb gibt es auch ganz andere Lieder in seinem Programm. Zum Beispiel: „Das Lächeln der Kanzlerin“, ein Chanson im Wiener-Schmäh-Stil, das klingt wie aus der Zeit von Heimatfilm-Urgestein Heinz Moser: eine mokant-ironische Liebeserklärung an die mächtigste Frau des Landes – eigentlich eine Kriegserklärung: Da geht es um ihr „zartes Händchen“, darum, dass das schönste Lächeln der Welt dem Sänger den Verstand raubt und um ihr Dekolleté, dass vor ein paar Jahren sämtliche Boulevardblätter erregte. Ist so ein Lied nicht ein bisschen machomäßig? Nein, nein, wehrt Wecker ab. Das habe nichts damit zu tun, dass sie eine Frau ist. Und dann muss wieder mal ein bisschen Pathos sein: Wecker setzt zu einem seiner Vorträge über die großen Fragen der Menschheit an, bei denen er sich gern in Rage redet: „Ich bin ein Gegner des Patriarchats. Das Patriarchat ist eine Welt, in der alles auf die Beherrschung der Erde hinausläuft. Solange es kein Miteinander mit den Frauen gibt, gibt es kein Miteinander in der Welt.“

Aber mit der Kanzlerin gibt es seiner Meinung nach auch nicht so ein Miteinander: Er habe das Lied voller Ärger geschrieben, nachdem sich Merkel über die Ermordung von Osama bin Laden gefreut hatte. Ein Unding, sich über den Tod eines Menschen zu freuen und sei es ein Terrorist, findet der Liedermacher.

„Und außerdem ist es doch schön, über ein Lächeln zu schreiben, dass es eigentlich nicht gibt.“ Wecker kann eben auch ohne Pathos, aber nicht lange. Immer wieder geht das Gespräch in erregte politische Vorträge über – etwa über „Waffenhändler und Weizenspekulanten, die wegen ihres Geldes in der Gesellschaft angesehen sind“. Über „die straffe Ideologie des Neoliberalismus: Anscheinend sind alle miteinander bereit, die Erde und ihre Grundlagen zu vernichten. Wir kommen aus dem System der Gier nicht heraus.“

Seine Lieder seien „Mosaiksteinchen“ die sich solchen Entwicklungen entgegenstellten. „Wenn es die nicht gäbe, wäre alles noch schlimmer.“ Eins der Lieder, eins ohne Pathos, handelt von Düsseldorfer Damen mit zu viel Geld „im Portemonnö“. Darauf reimt sich beim ihm die Einkaufsstraße „Kö“ und „Verblödötö“.

Friedrichstadtpalast, 31. Oktober, 20 Uhr, Tickets (31-58 Euro) unter der Tagesspiegel-Ticket-Telefonnummer 29021- 521 (montags bis freitags von 7.30-20 Uhr, und am Wochenende von 8-12 Uhr) sowie im Tagesspiegel-Shop am Askanischen Platz 3 in Kreuzberg (S-Bahnhof Anhalter Bahnhof, montags bis freitags, 9-18 Uhr).

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