Berlin : Nachfüllpack für die Bandscheiben

Rückenwirbel verschleißen, schmerzen – und dann kommen Operation und Reha. Oder? Nicht unbedingt. An einer Berliner Klinik werden die Knorpel mit körpereigenen Zellen einfach wieder ausgepolstert

Dagny Lüdemann

Eine kaputte Bandscheibe war bisher irreparabel. Herkömmliche Therapien und Operationen dienen dazu, Schmerzen nach einem Bandscheibenvorfall zu beseitigen und die Wirbelsäule zu stabilisieren. Aber jetzt gibt eine neue Methode Anlass zur Hoffnung. In Berlin haben Ärzte an der privaten Internationalen Wirbelsäulenklinik am Tauentzien ihren Patienten erfolgreich künstlich gezüchtete Bandscheibenzellen implantiert. Nach dem Eingriff sollen die „Stoßdämpfer“ der Wirbelsäule wieder prall gefüllt sein und ihre Polsterfunktion wie zuvor erfüllen können. Ob diese aufgefüllten Bandscheiben allerdings auch auf Dauer wirklich so gut wie neu sind, müssen Langzeitstudien zeigen.

Grundsätzliches. Die menschliche Wirbelsäule besteht aus 34 Wirbeln. Mit Ausnahme des ersten und zweiten Halswirbels und der miteinander verschmolzenen Kreuz- und Steißbeinwirbel sind sie alle durch eine Bandscheibe verbunden. Diese Scheiben bestehen aus einem knorpeligen Außenring und sind innen mit gallertartiger Masse gefüllt. Tagsüber, wenn der Mensch steht, sitzt, geht oder Sport treibt, sind diese Gelpads ständigem Druck ausgesetzt. Dabei verlieren sie Flüssigkeit – wie wenn ein Schwamm ausquetscht wird. Solange man den Schwamm zusammendrückt, kann er sich aber auch nicht wieder mit Wasser vollsaugen, und genauso ist das bei den Bandscheiben: Erst über Nacht, wenn sich die Wirbelsäule im Liegen entspannen kann, saugen sich die Bandscheiben wieder mit Flüssigkeit voll, die durch Diffusion vom Bandscheibengewebe aufgenommen wird. Das ist übrigens der Grund dafür, dass der Mensch morgens ein bisschen größer ist als abends.

Mit zunehmendem Alter verschleißen diese Stoßdämpfer jedoch; fast 80 Prozent der Deutschen erkranken im Laufe ihres Lebens an der Bandscheibe. Falsches und zu langes Sitzen, schweres Heben, eine schlechte Haltung und eine schwache Rückenmuskulatur können diesen Prozess beschleunigen. Die Bandscheiben trocknen förmlich aus, werden rissig und spröde, im schlimmsten Fall reißt der äußere Ring und das Gel aus Bandscheibenzellen quillt heraus: Das ist ein Bandscheibenvorfall. Wenn dabei die ausgetretene Gallertmasse auf Nervenwurzeln drückt, kann das höllische Schmerzen verursachen. „Anhaltender Schmerz, der sich mit konservativen Methoden nicht lindern lässt, kann ein Grund für eine Operation sein“, sagt Oleg Wolf vom Wirbelsäulenzentrum „Vertebral“, das in Pankow und Charlottenburg Zentren unterhält. Denn der Schmerz kann sogar chronisch werden, weil sich das Gehirn den Reiz „merkt“ und selbst dann weiter warnende Signale sendet, wenn die Ursache der Schmerzen längst behoben ist. Aber auch dann wenn die Nerven im Rücken so unter Druck stehen, dass es zu Taubheitsgefühlen, Lähmungen oder zu einer Beeinträchtigung der Blasenfunktion kommt, ist eine Operation unausweichlich. Und so werden laut Deutscher Krankenhausgesellschaft jährlich mehr als 100 000 Patienten an der Bandscheibe operiert. Experten streiten allerdings darüber, ob bei minderschweren Bandscheibenschäden nicht zu häufig operiert wird.

Bisher führten die Ärzte ihre Eingriffe mittels dreier Verfahren durch. Bei der herkömmlichen Operation wird ein zwei bis drei Zentimeter langer Schnitt am Rücken gemacht, und der Neurochirurg entfernt das auf den Nerv drückende Bandscheibengewebe. In besonders schweren Fällen wird die Bandscheibe teilweise entfernt und durch eine Prothese ersetzt. Mittlerweile gibt es aber auch bewegliche Implantate, so dass die Wirbelsäule an der Stelle des Eingriffs flexibel bleibt. „Bei leichteren Vorfällen reicht aber oft schon ein minimalinvasiver Eingriff“, sagt Oleg Wolf vom Wirbelsäulenzentrum „Vertebral“. Mit winzigen Instrumenten wird das ausgetretene Gel dabei zurück in die Bandscheibe gedrückt oder mit einem Laser verödet oder verdampft. Die dritte Methode ist die endoskopische: Dabei wird ein kleines Röhrchen eingeführt, durch das wie durch einen winzigen Tunnel verschiedene Geräte an die „Unfallstelle“ gelangen können. „All diese Maßnahmen sollen den Druck auf die Nervenwurzel senken und damit den Schmerz beseitigen.“

Die neue Methode, die an der Wirbelsäulenklinik in der Tauentzienstraße angeboten wird, verspricht jedoch mehr als das: eine Art biologische Erneuerung der Bandscheiben. Seit eineinhalb Jahren bietet dort der Neurochirurg Munther Sabarini die Eigenzelltransplantation an; das experimentelle Verfahren wird auch an Kliniken in Zürich, Rom und Halle schon praktiziert. „Wenn das wirklich funktioniert und der Erfolg auch durch Langzeitstudien bestätigt wird, wäre das eine wirklich tolle Sache“, sagt Oleg Wolf.

„Die Zellen werden gezüchtet, und nach fünf bis neun Wochen sind daraus ein paar Millionen Zellen geworden“, erklärt Munther Sabarini. „Dazu kommen sie in einen Inkubator“ – einen Behälter, in dem optimale Vermehrungsbedingungen herrschen –, „und heraus kommen reine, gesunde Bandscheibenzellen. Wir geben weder Antibiotika noch Wachstumshormone hinzu.“ Das Verfahren, mit dem aus menschlichen Zellen Gewebe nachgezüchtet werden kann, nennt man „Tissue Engineering“.

Ein Fall, bei dem das Verfahren jüngst schon erfolgreich war, ist Roman Busler aus Berlin-Wilmersdorf. Er hat sich von Sabarini nach der neuen Methode der Eigenzelltransplantation operieren lassen. Jahrzehntelang hatte er Schmerzen, war von Arzt zu Arzt gelaufen; 75 Jahre alt ist er mittlerweile. Andere Operationsmethoden kamen für ihn nicht in Frage, denn mit drei Bypässen am Herzen ist das Risiko einer Vollnarkose zu groß.

Anfang April wurden ihm bei örtlicher Betäubung also ein paar hundert seiner eigenen Bandscheibenzellen entnommen. Von einem Kurier wurden sie nach Teltow ins Labor der Firma „Cod.on“ gebracht, wo die Zellen für Sabarinis Klinik gezüchtet werden. Roman Buslers Zellen teilten sich so schnell, dass ihm schon Anfang Mai das neue, körpereigene Gel durch eine Nadel in die kranke Bandscheibe gespritzt werden konnte – wie ein Nachfüllpack. Jetzt werden die Nerven nicht mehr eingeklemmt, hofft er.

Die entscheidende Frage wird aber sein, wie schnell die aufgefüllte Bandscheibe erneut verschleißt, austrocknet oder rissig wird. Studien laufen. „Wer seinen Lebenswandel nicht ändert und weiterhin schwer trägt, viel sitzt und keine Physiotherapie macht, wird früher oder später wieder einen Bandscheibenvorfall bekommen“, warnt Munther Sabarini.

Ein Charité-Professor, der namentlich nicht genannt werden möchte, ist jedoch ausgesprochen kritisch, was den Erfolg der Methode angeht: „Die Eigenzelltransplantation wird als siebtes Weltwunder gefeiert, ist aber weit davon entfernt“, sagt er. „Die Methode ist noch als experimentell zu betrachten – wird aber für sehr viel Geld angeboten.“ Sie werde aus „gutem Grund nicht von den gesetzlichen Kassen bezahlt“. Munther Sabarini dagegen sagt, „mit Laborkosten von rund 4000 Euro und Operationskosten ab etwa 3000 Euro“ sei die Eigenzelltranplantation „nicht teurer als die anderen OP-Methoden“.

„Patienten sollten auf jeden Fall mehrere Meinungen einholen“, rät der Experte Oleg Wolf.

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