Berlin : Nachgezählt

Mehr Spielplätze, mehr Sonne, mehr Anwälte Die „Kleine Berlin-Statistik 2005“ ist erschienen

Thomas Loy

10 000 Bergsteiger gibt es in Berlin, aber nur 9000 Ruderer. 2000 Berlinerinnen erlernen das Friseurhandwerk, aber nur 1000 werden Hotelfachfrau. 11,5 Millionen Mal im Jahr gehen die Berliner ins Kino, aber nur 1,5 Millionen Mal in den Zoo. Diese alarmierenden Zahlen stammen aus der jüngst erschienenen „Kleinen Berlin-Statistik 2005“. Sie künden davon, dass Berliner lieber ein paar Berge hätten statt der vielen Seen, dass Haareschneiden für die Großstadtbewohnerin wichtiger ist als Bettenmachen und dass Tierfilme mehr Publikum finden als Tiere. Potztausend! Wer hätte das vermutet?

Der Reiz von Statistiken liegt im kreativen Kombinieren ihrer Ergebnisse. Dabei will die Kleine Berlin-Statistik eigentlich nur „Eckwerte“ großstädtischer Entwicklung vorstellen. Zum Beispiel, dass 2004 in Berlin 600 Menschen weniger gelebt haben als 2003. Grund ist der so genannte „Sterbeüberschuss“, der durch den „Wanderungsgewinn“ nicht ausgeglichen werden konnte. Klingt erst mal traurig, ist aber nicht so schlimm, wenn man weiß, dass im Jahr davor 4000 Menschen aus Berlin verschwunden sind. Statistiker formulieren dann etwa so: Die Bevölkerungsabnahme hat sich stark verlangsamt.

Auf den Tourismus wirkt sich die schwindende Zahl der Einheimischen positiv aus. Fast sechs Millionen Menschen besuchten im vergangenen Jahr Berlin, ein Zuwachs von rund 19 Prozent. Auch das Bruttoinlandsprodukt reagierte positiv, wenn auch nur mit bescheidenen 0,5 Prozent. Sogar die Zahl der Wohnungen stieg um 0,1 Prozent.

Das hängt damit zusammen, dass die Zahl der „Einpersonenhaushalte“ im vergangenen Jahr zum ersten Mal die Zahl der „Mehrpersonenhaushalte“ überholt hat. Der homo berlinensis hat sich erfolgreich vom menschlichen Urtrieb der Rottenbildung gelöst. Vielleicht erklärt diese Vereinzelung auch die eingangs geschilderte Relation Bergsteigen (Einzelkämpfer) zum Mehrpersonensport Rudern.

In der Spielzeit 2003/2004 besuchten 50 000 Menschen die Aufführungen der Zauberflöte, fast 400 000 den „Revuepalast“ im Friedrichstadtpalast, aber nur rund 15 000 Menschen die Tanzaufführung „Insideout“ in der Schaubühne. Diese Zahlen wirken überzeugend, führen aber in die Irre, weil die kleine Schaubühne ihr Platzangebot besser auslasten konnte als der große Friedrichstadtpalast.

Bei den Kinderspielplätzen ist die Auslastung dagegen stark rückläufig. 1996 gab es 1492 Plätze auf einer Fläche von 163 Hektar, 2004 waren es schon 1833 Plätze auf 198 Hektar. Dabei gibt es immer weniger Kinder, die darauf spielen. 1996 teilten sich noch 116 Kinder unter sechs Jahren einen Spielplatz, acht Jahre später waren es nur noch 92 Kinder. Rechnet man die Touristenkinder wieder dazu, ist das steigende Spielplatzangebot aber durchaus gerechtfertigt.

Und sonst? Eher was zum Stirnrunzeln: immer mehr Schuldner, immer mehr Strafgefangene, immer mehr Rechtsanwälte, immer weniger Richter, immer mehr Straßen, immer mehr Brücken. Aber das Wetter wird eindeutig besser: 1595,9 Stunden schien 1996 die Sonne. 2004 waren es schon 1689,8 Stunden. Ein Plus von 93,9 Stunden in acht Jahren. Setzt sich der Trend fort, scheint im Jahr 2608 in Berlin das ganze Jahr über die Sonne. Sogar nachts!

Die Berlin-Statistik im Internet:

www.statistik-berlin.de/framesets/aktuell.htm

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