Berlin : Nachhilfestunden nach Methoden von Scientology

Privatlehrer, die der Organisation nahestehen, geben Unterricht. Schule informierte Eltern nicht

Dorothee Schmidt

In Berlin gibt es Nachhilfe- und Studienförderkurse der Organisation „Applied Scholastics“, deren Lernmethoden von Ron Hubbard, Stifter der umstrittenen Organisation Scientology, entwickelt worden sind. Applied Scholastics operiert im Umfeld von Schulen und Universitäten. Nach Tagesspiegel-Recherchen arbeiten zurzeit drei Berliner Nachhilfelehrerinnen nach Hubbards Methoden, ein weiterer Lehrer wird bald beginnen. Eine der Nachhilfelehrerinnen, eine Scientologin, bietet als Mutter außerdem einen Sprachförderkurs an einer Spandauer Grundschule an.

Der Schulleiter sagte, dass er sich von der Mutter schriftlich habe zusichern lassen, dass sie in keiner Weise Bücher von Scientology verwende, noch deren Gedankengut verbreite. Nur unter dieser Voraussetzung laufe die Leseförderung. Die Eltern der anderen Kinder informierte er nicht. „Jeder kann glauben, was er will. Ich denke nicht daran, jemanden über ihre Gesinnung aufzuklären“, sagte der Schulleiter. Anne Rühle, Sprecherin der Bildungsverwaltung, kündigte an, dass die Schulaufsicht den Fall umgehend prüfen müsse. Die Privatlehrerin gab an, ihr Unterricht habe nichts mit Religion zu tun, es gehe „in keinster Weise um geistige Dinge“. Sie habe nicht die Absicht, die Kinder zu überzeugen.

Johann Altendorfer, Sprecher von Applied Scholastics, sagte, dass man Kindern und Erwachsenen lediglich helfen wolle, einen beliebigen Stoff zu lernen. Es gebe einige Gruppen in Deutschland. Genaue Zahlen könne er nicht nennen. Auch Sabine Weber, Sprecherin von Scientology, sagte, dass „natürlich keine Gefahr“ von Applied Scholastics ausgehe. Es handele sich um ein säkulares Programm, das nichts mit der Weltanschauung von Scientology zu tun habe. Es werde Schulstoff mit normalen Lexika vermittelt. „Niemand wird veranlasst, Scientologe zu werden.“ Die Lernerfolge nach Ron Hubbards Methoden seien „hervorragend“. In Deutschland seien viele Menschen daran interessiert.

Helga Lerchenmüller, Sektenberaterin der Verbraucherorganisation Aktion Bildungsinformation (ABI), sagte hingegen, Applied Scholastics betreibe „vorbereitende Werbung für die nächste Generation der Scientologen“. Man könne nicht ausschließen, dass Eltern durch die Nachhilfe ihrer Kinder auch andere Scientology-Kurse angeboten würden. Applied Scholastics sei der Einstieg in das Gedankengut von Scientology und weise manipulative Elemente auf. Kinder würden in ihrem Sprachverständnis verunsichert. Der Berliner Verfassungsschutz hat die Beobachtung von Scientology 2003 nach einem Verfahren des Verwaltungsgerichts eingestellt, sagte Sprecher Claus Guggenberger.

Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes, hatte am Donnerstag vor dem wachsenden Einfluss der Scientology-Organisation durch Nachhilfe-Institute gewarnt. Er sagte, dass nicht Berlin, sondern Süddeutschland und Hamburg als Zentren der Bemühungen gelten. Aber er wolle den Anfängen wehren. Bisher betreibe Applied Scholastics in Deutschland elf Institute. Gerade der unübersichtliche Markt privater Nachhilfeanbieter mache es schwer, den Einfluss der Scientologen zu überprüfen. Der Bundesverband der Nachhilfe-Schulen VNN verpflichtet seine Mitglieder, zu unterschreiben, dass sie nichts mit Scientology zu tun haben.

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