Berlin : Nachrichten aus der Nische

Tagesspiegel-Autorin Jana Simon las im ausverkauften Roten Salon aus ihrem neuen Buch

Sonja Niemann

Ein ausverkaufter Roter Salon, lange Schlangen vor der Kasse, viele Zuschauer, die keinen Sitzplatz mehr gefunden hatten und sich nun stehend im hinteren Teil des Saals drängten. Der Grund: Die Tagesspiegel-Autorin Jana Simon las am Samstagabend aus ihrem neuen Buch „Alltägliche Abgründe“. Das Buch, gerade erschienen im Christoph Links Verlag, ist eine Sammlung teils preisgekrönter Reportagen der 31-Jährigen, die allesamt auf der Seite drei des Tagesspiegel erschienen sind.

Simons Themen sind die Nischen des deutschen Alltags, Einblicke in die Lebenswelten von alleinerziehenden Müttern, Prostituierten, Drogenabhängigen, Mädchengangs, Neuköllner Dauerbadegästen oder auch in das mehr oder weniger glamouröse Leben eines Vollzeit-Partygirls. Letztere Reportage, Titel: „Das große Tanzen“, wählte Jana Simon für ihre Lesung aus, „weil meine Geschichten aus irgendeinem Grund meist sehr traurig sind, und diese hier ist nicht ganz so traurig wie die anderen.“ Das fand das Publikum auch und quittierte einige besonders skurrile Passagen mit lautem Lachen.

„Ich interessiere mich für Themen, die mit meinem eigenen Leben möglichst wenig zu tun haben", sagte Jana Simon in der anschließenden Diskussion mit Tagesspiegel-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo und Verleger Christoph Links. Die treibende Kraft für ihre Recherche sei Neugierde auf das Andere, egal ob es das Denken Guido Westerwelles ist oder die Beweggründe einer Gruppe von Frauen, seit Jahrzehnten jeden Tag ins Sommerbad Neukölln zu gehen. Ihr Stil ist es, niemals einzuordnen oder zu werten, sondern nur zu beobachten. Das tut sie stets, wie Giovanni di Lorenzo ihr bescheinigte, „mit einer großen inneren Anteilnahme“.

In letzter Zeit ist sie auch als Schreiberin von politischen Reportagen in Erscheinung getreten: „Momentan interessiert mich am meisten Herr Müntefering – obwohl ich das vorher nie gedacht hätte.“ Sie verriet, dass sie beim Schreiben das Leid aller Printjournalisten teilt: „Meine Geschichten sind immer zu lang“, sagte Simon, aus Platzmangel werden sie meist gekürzt.

Als Buchautorin ist Jana Simon keine Debütantin mehr. „Alltägliche Abgründe“ ist bereits ihr drittes Werk. Die Geschichte eines Hooligans, erschienen in Buchform im Jahr 2002 unter dem Titel „Denn wir sind anders“, soll nun sogar von Bernd Eichinger verfilmt werden. Das Drehbuch hat sie selber geschrieben und gerade abgeliefert.

Nach einer Stunde beendete Christoph Links die Veranstaltung – wie er es den zahlreichen stehenden Zuschauern gleich zu Anfang angekündigt hatte, denn es sollte ja nicht zu anstrengend für sie werden. Auch wenn mancher sicher gerne noch eine zweite Geschichte gehört hätte.

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