Berlin : Nachrichten

Sebastian Leber

Raik Hoelzels Geschichte klingt wie die vom Hasen und dem Igel. Wann immer Deutschlands Musikmanager in den letzten Jahren einen neuen Trend entdeckten, konnte sich Hoelzel freuen und sagen: „Ich bin schon da.“ Nur, dass der Berliner im Gegensatz zum Igel nicht schummeln muss: Er hat einfach ein gutes Gespür.

Kitty-Yo heißt sein Label, das Büro liegt in der Greifswalder Straße, zweiter Hinterhof, zweiter Stock, einer guten Gegend für kreative Menschen, sagt Hoelzel. In den letzten 13 Jahren hat Kitty-Yo einige große Talente bekannt gemacht: Popsänger Maximilian Hecker, die Exilkanadier Peaches und Gonzales, die Bands Kante und Surrogat. Diese Künstler haben Stile geprägt. Auch bei der Vermarktung war Kitty-Yo oft Vorreiter. Seit Anfang des Jahres konzentriert sich die Firma auf das Download-Geschäft. CD-Pressungen gibt es nur noch zu besonderen Anlässen – ansonsten werden die Songs ausschließlich übers Internet verkauft.

Sein Unternehmen hat Raik Hoelzel 1994 gegründet, zu Hause in seiner Kohleofenwohnung in der Schliemannstraße. Damals besaß er nicht mal einen Computer, „aber immerhin einen Zettelkasten“, sagt er. Heute beschäftigt Hoelzel fünf Mitarbeiter. Als er vor sechs Jahren in das Gebäude in der Greifswalder einzog, gab es unterm Dach schon eine andere Plattenfirma. Inzwischen findet man im Haus auch Filmfirmen und Tonstudios und im Erdgeschoss ein Reisebüro. Das hat sich darauf spezialisiert, Flüge für Menschen aus der Musik- und Medienbranche zu buchen. Ein Haus voller kleiner Firmen, die sich untereinander kennen und zusammen arbeiten. „Independent-Strukturen“, nennt der 42-Jährige das. Wenn etwa ein neuer Song abgemischt werden muss und die Zeit mal wieder drängt, klopft Hoelzel zwei Stockwerke tiefer beim Tonstudio an die Tür und sagt: „Könnt ihr das ganz schnell machen?“ Dann machen die das eben ganz schnell. „So läuft das nicht nur bei uns, sondern auch in vielen anderen Häusern der Greifswalder und in den Nebenstraßen.“ Das schätzt er an Prenzlauer Berg. Und zum Glück sei die Greifswalder Straße noch nicht so laut und touristisch geprägt wie die Kastanienallee: „Die Dichte an Coffeeshops und Kneipen ist erträglich.“

Aufgewachsen ist er in der thüringischen Provinz, er hat Elektromechanik gelernt. Bei einem Berlin-Aufenthalt war Hoelzel fasziniert von den „komplett anderen, kulturell angehauchten Kreisen“, die er vorfand. Er blieb, nutzte die Freiheiten der Nachwendezeit, um sich auszuprobieren. So half er mit, das besetzte Tacheles in der Oranienburger Straße zum Kulturzentrum auszubauen. Nebenher arbeitete Hoelzel als Altenpfleger, Grafiker, Steuerberater-Gehilfe. Und er betrieb ein Antiquariat. Als er das verkaufte, hatte er 12 000 Mark für seine Plattenfirma. Am Anfang hat Hoelzel viele Fehler gemacht. Zum Beispiel den, mit seinen Künstlern keine Verträge abzuschließen. So fuhr er mit einer Band nach Frankreich, um dort eine Platte aufzunehmen. Und als die fertig war, hat die Band ihre Bänder genommen und bei der Konkurrenz unterschrieben. So was tut weh, aber man lernt daraus, sagt er grinsend.

Neben der Musik versucht sich Hoelzel inzwischen auch in der Modebranche. Seine Frau hat das Label „Bel Alvarado“ gegründet, er unterstützt sie. Mit Kitty-Yo will er noch konsequenter das Internet nutzen. Hoelzel hat festgestellt, dass sich Titel besser verkaufen, wenn er sie vorher kostenlos für jeden zur Verfügung stellt. „Klingt paradox, ist aber so.“

Die allgemeine Krise der Musikindustrie wird Kitty-Yo überstehen. Auch deshalb, weil sein Label auf Qualität setze, sagt Raik Hoelzel. Das ist wie mit dem Prenzlauer Berg. Der habe gegenüber Mitte einen entscheidenden Vorteil: In Prenzlauer Berg hat sich die Kreativwirtschaft ganz allmählich angesiedelt, das war ein langsamer Prozess. Und genau deshalb habe das, was jetzt hier gewachsen sei, Substanz. Sebastian Leber

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar