Berlin : Nachrichten

Sandra Dassler

Zwischen Supermarktregalen liegt das kleine Glück. Jedenfalls für Viktor Fromm. Immer wenn der 60-Jährige am S-Bahnhof Ahrensfelde einkauft, schaut er im Russischen Café vorbei, einem Inselchen inmitten des Shopping-Centers. Ineinandergeschachtelte Püppchen, Matroschkas, auf dem Tresen. Im Topf schwimmen gefüllte Teigtaschen, Pelmeni, in würziger Soße. Dazu servieren die 25-jährige Swetlana Schwenk und ihr 28-jähriger Mann Denis Tee aus dem Samowar.

„Wenn ich diese jungen Leute sehe, wird mir das Herz ganz warm“, sagt Viktor Fromm. Und spätestens diese altmodische Formulierung verrät neben dem leichten Akzent, dass er zu den schätzungsweise 30 000 Russlanddeutschen gehört, die jetzt in Marzahn leben. Die Spätaussiedler kamen, als die Marzahner scharenweise ihre Plattenbauwohnungen verließen – gen Westen der Arbeit wegen, ins Umland wegen des neuen Häuschens. Die Platte ist längst nicht mehr grau, sondern leuchtet rosa und weinrot zwischen den vielen Grünflächen. Auch in der Golliner Straße, wo Viktor Fromm ein bundesweit einzigartiges Projekt leitet. AOA heißt es: Aussiedler orientieren Aussiedler.

Die Orientierung findet in einer früheren Kita statt. Die Berater an den Schreibtischen wechseln, die Probleme ähneln sich. Einer 80-Jährigen wurde von einer Telefongesellschaft ein „supergünstiger“ Vertrag mit Freisurfen im Internet angedreht – sie besitzt nicht einmal einen Computer. Eine Mutter erhält kein Kindergeld, weil sie nicht angab, dass ihre Tochter in der Ausbildung ist. „Es sind alles keine spezifischen Probleme“, sagt Viktor Fromm. „Sie werden aber durch das Sprachdefizit verschärft. Unseren Leuten ist es einfach peinlich, bei Behörden nachzufragen, wenn sie etwas nicht verstehen.“ Viktor Fromm kennt dieses Gefühl gut. Als Aussiedler schämt man sich, weil einem klar ist, was viele Einheimische denken: ,Die wollen Deutsche sein und können nicht einmal die Sprache.‘ Auch Fromm sprach nicht perfekt, als er 1996 nach Berlin kam. Seine Geschichte gleicht der vieler Aussiedler: Zwischen 1764 und 1772 zogen hessische Bauern an die Wolga, wo ihre Nachfahren bis zum Zweiten Weltkrieg lebten. Dann wurden sie als „Verräter“ deportiert, kamen in Arbeitslager. Als Kind wurde Fromm noch als „Nazi“ beschimpft. Seine Eltern wollten, dass er Russisch sprach, um nicht aufzufallen. Heimlich aber hieß es: „Wir sind anders, wir sind Deutsche.“ Die Mutter zeigte ihm eine alte Postkarte mit einem idyllischen Dorf: „Das ist Deutschland“, sagte sie. Das Bild hat sich in Viktor Fromms Seele eingegraben. 1990 stellte er den Antrag auf Aussiedlung, obwohl er als Wissenschaftler an einem renommierten Moskauer Institut arbeitete .

Marzahn hat keine Ähnlichkeit mit der Postkartenidylle. Aber für Viktor Fromm ist es zur Heimat geworden. Er hat es nie bereut hierherzukommen. Seine Söhne studieren, einer in Berlin, der andere in London. Er hat eine Halbtagsstelle bei AOA und arbeitet ehrenamtlich an vielen Projekten. Gerade hat er am Tschechow-Theater eine Ausstellung über die Geschichte der Wolgadeutschen organisiert. Regelmäßig initiiert er Treffen von Aussiedlern mit Einheimischen. Die taten sich anfangs schwer miteinander, auch jetzt gibt es noch Probleme. Leute wie Fromm vermitteln zwischen den unterschiedlichen Mentalitäten. „Multikulti ist auch in Marzahn kein Fremdwort mehr“, sagt er und zeigt auf einen Raum neben der AOA-Beratungsstelle. Dort üben vietnamesische Frauen Tai-Chi und Kung-Fu.

Viktor Fromm hatte auch die Idee, in der vom Land und vom Trägerverein Ball e. V. finanzierten AOA eine Beratung für Existenzgründer anzubieten. „Es tut mir weh, wenn ich junge Leute von uns sehe, die trinken oder sich rumtreiben“, sagt er. „Lieber sollen sie was riskieren.“ Denis Schwenk gehörte zu den Ersten, die sich als Existenzgründer beraten ließen. Auch deshalb schaut Viktor Fromm immer wieder im Russischen Café vorbei. Sandra Dassler

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