Berlin : Nachrichten

Grit Thönnissen

Andrea Pößnicker ist keine Designerin, die in ihrem Atelier vor sich hin träumt. Ihr Tapetengeschäft P van b liegt in einem Haus des Architekten Hans Poelzig, dessen moderne Zwanziger-Jahre-Bauten die Rosa-Luxemburg-Straße prägen. Nur eine Straße weiter, und man ist der ganzen Wucht des Alexanderplatzes ausgeliefert: Leuchtreklamen, Kaufhäuser, mehrspurige Umleitungen und Ausfallstraßen.

„Leute, die so etwas machen wie ich, gehören nach Mitte“, sagt Andrea Pößnicker. Also in ein professionelles Umfeld, das auch als öffentlicher Showroom funktioniert. Immerhin kommen oft genug Leute vorbei, die mehr als eine Wand neu gestaltet haben wollen. Hotels, Restaurants und Appartements in New York hat sie ausgestattet. Bis für ihre handgedruckten Tapeten ein halbes Jahr Wartezeit galt. Auch deshalb arbeitet sie jetzt mit einem belgischen Tapetenfabrikanten zusammen.

Während ihres Industriedesignstudiums in Hamburg begann Andrea Pößnicker, sich mit Tapeten zu beschäftigen. Ihren Professoren gefiel es gar nicht, dass da eine Muster an die Wände kleben wollte. In Berlin fiel es leichter, die Tapete als avantgardistischen Wandschmuck zu etablieren. Andrea Pößnicker entwirft nicht einfach, was sie schön findet. Viele ihrer Entwürfe haben eine klare Aussage. Wie der Tapetenzyklus mit rankenden Zapfpistolen, Falken, die ihre Krallen in ihre erschlaffte Beute bohren und einem Rosenwald mit vielen unüberwindbaren Dornen. „Das ist mein Wirtschaftskrimi.“

Sie hat etwas mitzuteilen, sie tut es mit ihren Tapeten. Deshalb erfüllt Andrea Pößnicker auch keine Extrawünsche, wie den Hund oder die Kinder eines Auftraggebers auf Tapete zu verewigen. Nur für die Inhaberin des Dessousladens Blush hat Andrea Pößnicker eine Ausnahme gemacht und die Lieblingsspitze von Claudia Kleinert in ihren Entwurf „Pretty Rich“ eingearbeitet. Als die Geschäftsfrau vor drei Jahren ihre Adresse für edle Schlüpfer, Spitzen-BHs und seidene Morgenmäntel von der Alten Schönhauser Straße in die Rosa-Luxemburg-Straße verlegte, war sie die Erste. „Das habe ich mich getraut, weil ich viele Stammkundinnen habe“, sagt Claudia Kleinert. Sie fand die Straße schon immer gut, „mit den drei Pornoläden, der Volksbühne und dem lauten Verkehr – richtig Großstadt halt.“

Heute ist nur einer von den drei Sexshops übrig. Vor den haben die Besitzer eine Bank gestellt und wenn nicht gerade Mitarbeiter ihre Raucherpause dort verbringen, fotografieren sich Touristen vor der Leuchtreklame mit dem blinkenden Wort „Sex“. Es kommen viele Touristen vorbei. Die entdecken die Läden oft nachts, wenn sie aus einem der Clubs am Alexanderplatz oder von der Schönhauser Allee kommen und auf der Suche nach nächtlichem Amüsement vorbeiziehen. Morgens kann man ihre Spur an den Scherben der Bierflaschen verfolgen. Alles, was der fortgeschrittene Mitte-Tourist braucht, findet er hier: Neben Tapeten und Dessous gibt es japanische Nudelsuppen, Designerkleidung, Kopfbedeckungen, ein Berliner Brillenlabel, einen Plattenladen, Secondhandkleider und Burritos. Eine Straße weiter hat der Buchladen Pro qm sein neues Geschäft eröffnet. Auch seine Besitzer befanden die Alte Schönhauser als zu teuer und kommerziell.

Nebenan schneidet Friseur Robert Stranz der Nachbarschaft die Haare – auch ein Geschäftspartner von Andrea Pößnicker, der sich um das kaufmännische bei „P van b“ kümmert. Ehrensache, dass man sich gegenseitig unterstützt. „Das funktioniert hier so gut, weil wir alle erst kurz da sind. Wir schieben uns die Kunden gegenseitig zu“, sagt Andrea Pößnicker. Noch hat keine große Kette sich bis raus auf die Rosa-Luxemburg-Straße getraut. Aber lang kann es nicht mehr dauern, bis langweilige Modemarken versuchen, sich hier interessant zu machen, in der Nachbarschaft von blinkender Erotikware und individuellem Designangebot.Grit Thönnissen

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