Berlin : Nachrichten

André Görke

Wer es nicht ganz so gut meint mit Hohenschönhausen, der veralbert den Bezirk als „Hohenschönweitdraußen“ oder „Hohenschöngrünkohl“, weil dort früher die Gemüsebauern ihre Felder bestellten, ehe zu DDR-Zeiten die Hochhäuser gebaut wurden. Peripherie. Platte. Fehlt nur noch das Klischee von den allgegenwärtigen Nazis, als würden die an jeder Straßenecke lauern. „In Hohenschönhausen kann man es gut aushalten“, sagt Alexander Brandt, 19 Jahre, Jugendbetreuer bei der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr. Er steht in seiner dunkelblauen Uniform am Rande einer Kleingartenkolonie, gleich hinter der Wache und guckt, wie sich die Kinder beim Feuerwehrschläuche-Wettausrollen so machen. Kinder haben sie auf der Wache in Hohenschönhausen viele: 1993 waren es nur zehn Jungs und Mädchen, die damals der Jugendfeuerwehr angehörten. „Jetzt sind es schon 28“, sagt Jugendfeuerwehrwart Raimar Meisel. „Wir mussten neulich sogar eine Warteliste anlegen.“ Kann man sich vorstellen, im Hintergrund kreischt und johlt der Nachwuchs.

Raimar Meisel, 30, hat tatsächlich die Liebe aus Halle/Saale nach Hohenschönhausen verschlagen. Mit Frau und eineinhalbjährigem Sohn lebt er in einem Neubau – „Platte sagt hier keiner“ – und will auch nicht wegziehen, nicht in die enge Stadt. „Hohenschönhausen hat Weite“, sagt er. Der Bezirk ist nämlich so schön luftig bebaut, dass der Finanzberater von seinem Balkon aus ungestört den blauen Himmel genießen und „runter bis zum Alex gucken“ kann.

Die Feuerwache, für die er von 16 Uhr bis 5 Uhr früh in Bereitschaft ist, hat zumindest optisch nicht allzu viel von der Wende profitiert. Sie wurde 1989 gebaut, und mittlerweile hätten die Wände mal wieder einen Topf Farbe verdient. Und leider ist ja auch gerade das dritte Garagentor kaputt. Doch was sind schon Schönheitsreparaturen, wenn die Ehrenamtlichen hier viel Wichtigeres anpacken: In der Jugendfeuerwehr vermitteln sie Disziplin und Teamgeist, holen die Kinder von der Straße, helfen auch bei den Hausaufgaben. „Wir spielen manchmal Lehrer“, sagt Raimar Meisel. Sie geben den Jungs und Mädchen Verantwortung und damit Selbstvertrauen. Und wenn eines der Kinder zu locker rangeht, sagt Meisel, der stattliche Kerl: „So, und du rennst jetzt noch ’ne Trainingsrunde, okay?“

Hohenschönhausen ist nicht mehr der junge Teilbezirk, er muss versuchen, seine Jugend zu halten. Vor der Wende galt die Siedlung als durchgeplantes DDR-Vorzeigeobjekt. Nach dem Mauerfall war sie das immer noch – nur zeitgemäß war das dann nicht mehr. Heute können viele Bewohner das Image belächeln. Die Hochhäuser sind saniert, die Eingänge bunt angestrichen. Überall wurden Bäumchen gepflanzt. Und es gibt Shoppingmöglichkeiten. 1995 entstand das Linden-Center, da zieht es den jungen Feuerwehrmann Alexander Brandt schon wegen des neuen Kinos hin. Oder ins Hansacenter, zur Diskothek Dix – auch wenn die „eher mittelmäßig“ ist. Es gibt eine Gokart-Bahn in der Nähe, zudem ein Bowlingcenter. „Das ist wie in einem Dorf“, sagt Alexander. Und wer will, kann ja mit der S-Bahn oder der Tram schnell in Richtung Friedrichshain rollen. Das ist nun nicht unbedingt Alexander Brandts Ding: wegen des Jobs – er ist Industriemechaniker – und wegen der Pflichten bei der Feuerwehr.

Die Natur entdeckt man in Hohenschönhausen vielleicht erst auf den zweiten Blick. Viel Grünfläche, hinter der Stadtgrenze beginnt Brandenburg. Und tolle Badestellen hätten sie im Sommer, sagt Jugendwart Meisel. „Das Strandbad am Orankesee etwa.“ Dessen Betreiber ist Förderer der Jugendfeuerwehr. Die darf dort kostenlos baden und sich auf echtem Ostseesand sonnen. In den Neunzigern wurden der See gereinigt, der Park saniert, neue Duschen und Toiletten installiert. Die Jugendfeuerwehr kann da ihre Freizeit verbringen, sich zum Grillen treffen. In dem Fall wird mit Bier gelöscht. André Görke

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