Berlin : Nachrichten

Stefan Jacobs

Hellersdorf ist unentschlossen. Die Plattenbauten ringsum sind allesamt nur fünfgeschossig, und die U-Bahn fährt statt im Tunnel in einer Senke. Vor dem Bahnhof ein kahler Platz, auf dem am Marktstand DDR-Fahnen verkauft werden, aber auch amerikanische. Hinter der Linsensuppen-Bude – zwei Euro ohne Wurst, zweisechzig mit – der Eingang zur Fachhochschule, so unauffällig, als wär’s eine Detektei. An Bauarbeitern vorbei in den dritten Stock zu Christine Labonté-Roset. Ein Name, den man nicht alle Tage hört in Hellersdorf.

Es ist kein repräsentatives Büro, in dem die Rektorin der Alice-Salomon-Fachhochschule arbeitet. Sie hat an der FU studiert und promoviert. Vor neun Jahren ist sie mitsamt ihrer Fachhochschule aus Schöneberg hierher verlegt worden, weil im Westen der Platz knapp war und der Senat etwas für den Osten tun wollte. Jetzt ist auch hier der Platz knapp, weil der zweite Bauabschnitt abgeblasen wurde, nachdem der erste viel zu teuer geworden war. Außerdem beseitigen die Arbeiter auf dem Flur noch immer Baumängel. „Ich bin nicht heimisch mit diesen Gebäuden“, sagt die Rektorin. Ihr Verhältnis zum Bezirk ist vielschichtiger.

An der Alice-Salomon-Fachhochschule befassen sich 2000 Studenten mit Dingen wie Sozialarbeit, Kindererziehung, Pflegewissenschaft, interkulturellem Konfliktmanagement, alternativen Schulformen. Themen von heute und morgen also. Themen, die man in Hellersdorf besonders gut studieren kann. Die Hochschule wird nächstes Jahr hundert, und Christine Labonté-Roset ist mehr als dreimal so alt wie der Bezirk, der kurz vor der Wende auf die Wiesen gebaut wurde und denkbar schlecht darauf vorbereitet war, dass aus jungen Eltern mit zwei Einkommen plötzlich Arbeitslose mit Halbwüchsigen in Acht-Quadratmeter-Kinderzimmern werden könnten, deren neue Nachbarn zwar deutsche Pässe haben, aber nur Russisch sprechen. Jetzt ist die Fachhochschule an der Lernwerkstatt beteiligt, arbeitet eng mit der Bibliothek um die Ecke zusammen, schickt Praktikanten ins hochmoderne Unfallkrankenhaus Marzahn und holt Dozenten von dort. Ein paar Studenten aus Tunis absolvieren gerade ein Praktikum im Jugendzentrum „Kids & Co.“, und dank dem Audimax hat Hellersdorf endlich einen richtigen Veranstaltungssaal. „Wir sind hier mehr verwurzelt, als wir es in Schöneberg waren“, resümiert die Rektorin.

Sie schaut aus dem Fenster. Gegenüber ist aus den Ruinen der DDR-Poliklinik ein Ärztezentrum auferstanden, das auch bei betuchten Privatpatienten gefragt ist. Das Gebäude auf der anderen Seite des kahlen Platzes bildet den Rahmen für die „Helle Mitte“, die in den Neunzigern errichtet wurde, um Hellersdorf ein Zentrum zu geben. Labonté-Roset schaut über die flachen Häuser. „Ganz schön weit draußen“, sagten viele Besucher, erzählt sie. Und ein Kollege mit Russlanderfahrung erkannte Ähnlichkeiten zu Nowosibirsk. Am Anfang habe sie sich gewundert, wie viele Hellersdorfer ihren Kiez als Heimat empfinden. Inzwischen versteht sie es. Am schönsten sind die Innenhöfe. Parks, Spielplätze, Ruhe. Nur die Studenten wohnen nach wie vor in Friedrichshain. Und die Profs überall, bloß nicht hier. Ein einziger Angestellter sei mit der Hochschule aus dem Westen nach Hellersdorf gezogen, sagt die Rektorin.

Sie hatte ein paar Startschwierigkeiten mit dem Bezirksamt, weil das die Einrichtung wohl für eine Schule hielt und ab Freitagmittag einen Rummel mit Krach vor der Tür genehmigte. Lange her. „Wir haben jetzt einen sehr guten Kontakt zum Bezirksamt.“ Dass die Linkspartei der Platzhirsch ist, war für Labonté-Roset nie ein Problem, sie hat nur pragmatische, tüchtige Leute erlebt. „Der Einzige, mit dem wir hier richtig Ärger hatten, war der CDU-Baustadtrat.“ Der ist längst Treptow-Köpenick zu Diensten, und Christine Labonté-Roset fühlt sich mit der FH sehr willkommen in Hellersdorf. Stefan Jacobs

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