Berlin : Nachrichten

Matthias Jekosch

Weiße Kreide auf schwarzem Grund sagt: Die letzte Überprüfung war im März 1986. Im Erdgeschoss ist der Wachturm am Schlesischen Busch eng und bedrückend. Schmale, steile Leitern führen das Beton-Ungetüm hoch an Schießscharten vorbei bis ganz nach oben. In zwölf Metern Höhe stößt Svenja Moor eine schwere Dachluke auf. Vom Dach des ehemaligen Grenzturmes kann man weit in den Park sehen. Svenja Moor betreut für die Kunstfabrik am Flutgraben, die auf der anderen Straßenseite liegt, das Projekt „Letzte Überprüfung“. Wechselnde Künstler befassen sich mit dem Turm, seiner Geschichte, seiner Bedeutung. Was die Kunsthistorikerin aus Zeiten des Kalten Krieges erzählt, lässt die schöne Aussicht vergessen. Sie zeigt auf eine Gruppe junger Bäume im Park. „Die wurden erst nach der Wende gepflanzt. Vorher war dort der Grenzstreifen, und die Soldaten brauchten freies Schussfeld.“ Flüchtlinge bekamen den Turm gar nicht erst zu Gesicht. Sie wurden nach Möglichkeit vorher abgefangen.

Auch die Kunstfabrik markierte früher Grenzen. Das wuchtige Gebäude aus roten Backsteinen fügt sich direkt an die Arena Treptow an, der Gebäudekomplex lag direkt im Grenzstreifen. Auf dem Dach der Kunstfabrik patrouillierten DDR-Soldaten. Heute werden hier Grenzen überwunden. Holländer, Spanier, Argentinier oder Amerikaner – das als Atelierhaus genutzte Gebäude beherbergt viele Nationalitäten. Vorstandsmitglied Joël Verwimp stammt aus Belgien. „Wir sind die einzige Institution in Treptow, die so was macht. Ich glaube, der Bezirk ist froh, dass wir die ganzen Künstler hierhin holen“, sagt er. So kommen Maler, Bildhauer, Fotografen, Video- oder Textilkünstler, die es sonst nicht ausgerechnet nach Treptow ziehen würde.

Allein der Wachturm, als ein Hauptprojekt der Kunstfabrik, hat zwischen März und Oktober bis zu 5000 Besucher angelockt. Grenzen gehören nach wie vor dazu, aber sie verwischen. „Die Bezirke fließen hier ineinander über“, sagt Verwimp. Die Aussage ist wörtlich zu verstehen, denn der Flutgraben markiert den Übergang zu Kreuzberg. Vom „Club der Visionäre“ auf der einen Wasserseite, direkt neben der Kunstfabrik, kann man die Gäste im „Freischwimmer“ auf Kreuzberger Seite speisen sehen.

Als Ort des Übergangs hat die Kunstfabrik auch eine historische Rolle gespielt, die literarisch bearbeitet wurde. Die Kunstfabrik, in der fast 60 Künstler Platz finden, ist über einer ehemaligen Kfz-Werkstatt untergebracht. Der Autor Klaus Kordon beschreibt in seinem Roman „Krokodil im Nacken“ die Flucht eines Lehrlings dieser Werkstatt; sie glückte. Manche Flucht endete mit dem Tod oder in der winzigen Arrestzelle des Wachturms, die gerade genug Platz zum Sitzen ließ. Es gibt Besucher, die verbinden noch Erinnerungen mit dem Turm, wenn auch nicht die Inhaftierter. Nachbarn erzählen, wie der Turm den Blick von ihrem Haus aus bestimmte. Svenja Moor schätzt, dass die Hälfte der ehemaligen Soldaten unter den Besuchern sich bei ihr zu erkennen geben. „Die meisten sind ganz stark gefangen von ihren Erinnerungen“, sagt sie. „Die sehen hier alles noch eingerichtet.“ Nicht alle saßen gern auf ihrem Beobachtungsposten. In sieben Metern Höhe, wo schwere Fenster den Blick in alle vier Himmelsrichtungen ermöglichen, haben manche mit Bleistift in den Fensterrahmen ihre Kommentare hinterlassen. „Hoffentlich ist die Scheiße bald vorbei“, schrieb einer.

Gleich nach der Wende gestaltete der Verein „Museum der verbotenen Kunst“ den Ort. Markenzeichen: respektloser Umgang mit der Vergangenheit. Im dazugehörigen Café wurde der Cocktail „Streckschuss“ serviert. 2004 bewarb sich dann die Kunstfabrik mit dem Konzept der „Letzten Überprüfung“ beim Bezirksamt. Eine „nächste Überprüfung“ gab es übrigens nicht: Die war am Eingang für März 1991 eingetragen. Doch da hatten sich Grenztürme in Deutschland erübrigt. Matthias Jekosch

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