Berlin : Nachrichten

Lothar Heinke

Draußen flirrte der Sommer vorm Balkon, aber unter dem geteilten Himmel über der leuchtenden Stadt braute sich etwas zusammen. Im Jahr 1988 erlebte der Ostteil so etwas wie die Ruhe vor dem Sturm. Das Leben ging zwar seinen sozialistischen Gang, die Mauer stand felsenfest und wurde immer weiter perfektioniert, aber: Sie war ein wenig porös geworden. Andrea S. zum Beispiel durfte zum 50. Geburtstag ihrer Schwester in den Westen fahren. Diese Art „Reisen in dringenden Familienangelegenheiten“ nahmen zu, höchste Chefs mussten ihren Segen geben, angefeuert von der zurückbleibenden Restfamilie fuhr sie los, aber „dann kam der Tag, an dem sie zurückkehren sollte“, erinnert sich später ihr Mann und beschreibt, wie er kurz vor zwölf in der Nacht im Bahnhof Friedrichstraße saß und klopfenden Herzens auf die Tür starrte, die sich im Minutentakt schnarrend öffnete. Bis Mitternacht mussten sie wieder da sein, bei den übrigen Landeskindern, so wollte es das Gesetz. Aber wo blieb sie? Es war inzwischen null Uhr 23, und da schoss es ihm zum ersten Mal durch den Kopf: Was wäre, wenn sie denn doch die Chance nutzte, dort zu bleiben, wo so viele hin strebten? Wie oft hörte man in letzter Zeit von diesem und jenem Ausreiseantrag, von verlassenen Arztpraxen, verwaisten Geschäften und Wohnungen? Die Leute hatten es einfach satt, gegängelt zu werden. Manche wurden mutiger. Frischer Wind, Tauwetter statt Gromykos grimmige Kälte, wehte aus Moskau herüber, die Ost-Berliner erfuhren übers Westfernsehen sofort alles Neue über Michael Gorbatschows Politik von Glasnost und Perestroika. Und auch, heiß und live, wie 120 junge Leute bei dem traditionellen Gedenken an Luxemburg und Liebknecht Anfang des Jahres wie Staatsfeinde behandelt und abtransportiert (oder sogar ausgewiesen) wurden, weil sie ein schönes Zitat von Rosa auf ein Bettlaken gemalt hatten: „Freiheit ist immer nur die Freiheit des Andersdenkenden“.

Mit den Quer- und Andersdenkern hatten die Mächtigen immer mehr Trouble. Nie zuvor gab es eine solche Flut an politischen Witzen. („Drei Staaten haben Interesse daran, die Titanic zu heben: Die USA wegen des Schmucks in den Tresoren, die UdSSR wegen des Stahls und die DDR wegen der Kapelle, die bis zum Untergang gespielt hat.“) Es war schon so, wie jemand dichtete: „Bleibt die Mauer, gehn die Leute. Fällt die Mauer, ist sie pleite. Ja, sie hat es wirklich schwer, unsre arme DDR“. Da musste ein wenig Druck aus dem Kessel genommen werden. 85 000 Fans kommen am 1. Juni nach Weißensee, um Joe Cocker zu hören, und im Juli strömen schätzungsweise 250 000 in die Radrennbahn zu Bruce Springsteen. Weltoffen ist ein Rockfestival mit City (Ost), Heinz Rudolf Kunze (West) und Bryan Adams (Kanada) – aber wenn Pink Floyd oder Michael Jackson am Reichstag spielen und ein paar hundert Jugendfreunde Unter die Linden kommen, um zuzuhören, verliert die Volkspolizei die Nerven.

Später in diesem dem Jahr 88 wird Honecker die sowjetische Zeitschrift „Sputnik“ verbieten. Wie sollte das weitergehen? So nicht, Genossen! (Übrigens: Frau Andrea S. kam dann doch noch zurück, gegen null Uhr 30.) Lothar Heinke

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