Berlin : Nachrichten

Marc Neller

Was Harald Schmidt da in dem Video sagt, dürfen sie denken, solange man es ihnen nicht anmerkt. Aber niemals dürften sie es im Dienst aussprechen.

Die Deutschen seien zu dumm zum Bahnfahren, sagt Schmidt. Und dass er gerne Bahn fährt. Aber er ist Entertainer und kann im Fernsehen sagen, was er will. Es hat keine Folgen. Sie sind Zugbegleiter, das ist der Unterschied. Sechs Berliner Zugbegleiter, die im fünften Stock des Bahngebäudes am Ostbahnhof darin geschult werden, was sie den Menschen in den Intercitys, Interregios oder ICEs sagen sollen, wenn der Zug mal wieder eine satte Verspätung anhäuft und von Halt zu Halt später dran sein wird, anstatt Zeit aufzuholen. Und: wie sie es dann sagen sollen.

In einer Bahn-Umfrage haben nämlich 85 von 100 Zuggästen angegeben, ihnen seien die Durchsagen in den Zügen zu lang und uninformativ. Sie fühlen sich belästigt. Deswegen sind zum Beispiel Jana (31), Simone (40) und Lutz (59) heute im Bahncenter: Um die Kunst der bündigen Ansage zu lernen, wie alle Zugbegleiter in den kommenden Wochen, bundesweit. Ab November sollen die Durchsagen in den Zügen kürzer werden.

Die drei arbeiten ihr halbes Leben lang bei der Bahn. Harald Schmidt lässt sie für einen Moment die Schmähungen des Alltags vergessen. Das Video soll sie locker machen für die Ansage-Übung. Mike Leistner schaltet den Rekorder ab. Leistner ist ihr Trainer, ein drahtiger Mann, Mitte dreißig, mit randloser Brille und Oberlippenbart. Er bildet zwei Gruppen und verteilt sie auf zwei kleine Zimmer mit niedrigen Decken. Eine Gruppe übt die Gastronomie-Ansagen. „In unserem Bordrestaurant gibt es heute Dorsch ...“ oder „Heute empfehlen wir Ihnen Putenbrust in feiner Sahnesauce... “. Eine dankbare Aufgabe. Die andere Gruppe übt die Ansagen für Verspätungen.

„Ich würde immer ein leichtes Gericht mit ansagen. Das lockt“, ruft Leistner denen hinterher, die gleich im Nebenraum „die Gastros“ durchgeben. Er dreht sich wieder um, und sein langsames, demonstratives Nicken sagt: So wie der Dorsch sollen auch eure Ansagen sein; leicht und bekömmlich. Trotz Verspätung. „Konzentration, begleitet von einem Lächeln. Der Reisende muss das Lächeln hören können!“ Mike Leistner lächelt viel, konzentriert wirkt er trotzdem. Mit geradem Rücken sitzt er auf seinem Stuhl, als er vormacht, wie man einen Standardtext verliest und dabei verbindlich wirkt. Sein ganzer Körper ist gespannt wie eine Feder. Leistner hat keine Sprecher-Ausbildung, er ist selbst Zugführer und hat es sich selbst beigebracht.

Nach ihm die Gruppe. „Ansagen unter Stress“ hat der Trainer mit blauem Filzstift auf ein postergroßes Clipboard geschrieben. Und darunter die Gründe für den Stress: „störende Reisende“, „störende Kollegen“, „Unregelmäßigkeiten“. Die häufigste Unregelmäßigkeit taucht in dem neuen Bahnhandbuch für Standard-Ansagen unter Punkt 4.3 auf: „Ansagetexte für den Verspätungsfall.“

Auf dem Tisch wartet ein Cassettenrekorder mit einem Mikrofon. Jana, Simone und Lutz haben farbige Kärtchen bekommen, von denen sie Texte ablesen, die Module heißen und so beginnen: „Meine Damen und Herren, leider hat dieser Zug infolge >Störungsursache xx

Jana liest als Erste. Sie macht zu lange Pausen zwischen den Satzteilen, verliert den Rhythmus und schüttelt den Kopf. Den anderen ergeht es ähnlich, bis auf Simone, die hat einen kurzen Text. Aber da müssen sie durch. Wäre das hier Wirklichkeit, dann wäre ihr Zug spät dran und ein paar geehrte Fahrgäste wären sehr aufgebracht. Jana entschuldigt sich, dass nicht alle sofort einen Entschädigungs-Gutschein bekommen. Als sie fertig ist, drückt sie die Pausetaste des Rekorders. „Viel zu lang. Dem ganzen Tralala zum Schluss hört doch keener zu.“

„Der Text ist etwa 15 Sekunden lang. Das ist nicht viel“, sagt Leistner. Die anderen beiden pflichten Jana bei. Eine Diskussion entspinnt sich, schließlich gibt Leistner nach. „Aber die Unannehmlichkeiten müssen rüberkommen. Die Entschuldigung ist das Wichtigste.“ Er verdreht die Augen: „Eh egal. Wir müssen ja sowieso kaum Gutscheine ausgeben – weil wir fast nie verspätet sind.“ Er lacht kurz auf.

Zum Schluss kommt die Kritik, eine heikle Sache, das merkt man Leistner an. Er wiegt die Worte, hört sich verlegene Erklärungen an, warum das beim Vorlesen jetzt nicht so gut geklappt hat. Und nickt. Manches stimmt ja. Die Textvorgaben sind zwar neu, oft aber trotzdem umständlich. Kurz sollten sie doch werden. Informativ. Prägnant. Zum Schluss rät Leistner den Kollegen, die neuen Ansagen zu Hause zu üben. „Und immer die wichtigen Aspekte im Text betonen“.

Wenn die 450 Zugbegleiter vom Ostbahnhof seine Tipps beherzigen, werden aus ihnen zugbegleitende Radiosprecher, mit einer bis in die Silben hinein perfekt prononcierten Aussprache? Eher nicht, da ist sich die Gruppe einig. „In der Schule hab’ ich nie vorgelesen. Ich hab’ mir immer ’ne Fünf geben lassen. Das konnte ich einfach nicht, so vor allen“, sagt jemand. Wenn es Ernst wird und sie ansagen, hilft es ihnen vielleicht, an Harald Schmidt zu denken. Das Lächeln kommt dann von ganz alleine, auch wenn Schmidt jetzt keiner mehr von ihnen ist. Ein paar Monate war er Werbeträger, dann wollten die Bahnchefs ihn nicht mehr haben. Sie fanden ihn zu schräg.

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