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Dialog in Wedding: Vier Koranschulen im Soldiner Kiez stellen sich den Nachbarn vor

Katja Füchsel

Plötzlich sind sie da. Dreißig, vierzig Kinder strömen aus einem Hinterhof, eine dunkelhaarige Schar, die meisten Mädchen tragen ein Kopftuch: Die Koranschule ist aus. Im Soldiner Kiez in Wedding gehört das Bild zum täglichen Leben, ein Alltag, der viele Nachbarn beunruhigt. Koranschulen – Brutstätten des Fundamentalismus, Orte der Hetze? Viele Gerüchte kursieren im Kiez. „Es wird befürchtet, dass sie die Desintegration befördern“, sagt Reinhard Fischer.

Fischer ist Quartiersmanager, Vermittler – und Pionier. Am Mittwochabend brachte er vermutlich eine Berliner Premiere zustande: Er lud fünf der Koranschulen im Soldiner Kiez zur Diskussion ein, vier davon schickten tatsächlich einen Vertreter auf das Podium in der Prinzenallee. Ein respektables Ergebnis, sagt Fischer. „Allerdings musste ich vorher eine Menge Überzeugungsarbeit leisten.“

Bevor die Debatte anfängt, liest sich das Publikum schon einmal an Stellwänden ein. Über das Islamische Zentrum für Dialog und Bildung (Drontheimer Straße, arabische Sprachschule mit 500 Schülern), die Haci Bayram Moschee (Koloniestraße, der Islamischen Föderation zugehörig, 190 Schüler vor allem türkischer Herkunft), die Bilal Moschee (Drontheimer Straße, 60 Kinder vor allem pakistanischer und indischer Herkunft) und den Bildungs-, Kultur- und Sozialverein (Koloniestraße, Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche arabischer Herkunft, Koran-Unterricht für 30 Kinder).

An diesem Abend wagen beide Seiten den ersten Schritt: Die Zuhörer – Nachbarn und Lehrer der umliegenden Schulen – stellen Fragen zum Thema Kopftuch, zum gemischten Sportunterricht, gemeinsamen Klassenreisen, religiöser Toleranz. Die muslimischen Anwohner sprechen über ihre Assimilationsängste, Barrieren, Misstrauen und das stete Gefühl, sich in der Defensive zu befinden. Keiner der Beteiligten legt, wie nicht anders zu erwarten, die Karten immer offen auf den Tisch. „Unterstützen Sie denn auch Mädchen, die unter den strengen Eltern leiden? Die mit auf Klassenfahrt oder kein Kopftuch tragen wollen?“, fragt eine Anwohnerin. Die Antwort lautet unisono: So einen Fall hat es bei uns noch nie gegeben!

Fischer ist Pragmatiker, hat anderes nicht erwartet und eher die Langstrecke im Blick. Er will im Kiez „Namen und Gesichter öffentlich machen“, um vor allem eines zu erreichen: „Wenn es in der Schule Probleme gibt, soll der Lehrer auch seinen Ansprechpartner in der Koranschule kennen.“

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