Berlin : Nachrichten

Werner van Bebber

Niels Korte, 35, CDU-Direktkandidat für Treptow-Köpenick, hat die gleiche gute Laune wie Mitte Juli, als er den Wahlkampf vorbereitete. Obwohl alle Gregor Gysi im Bundestag sehen, während Korte nicht mal über die Landesliste abgesichert ist. Autosuggestion kann es nicht sein, dafür hält die Wirkung zu lange an. Jetzt steht Korte auf dem Marktplatz an der Dörpfeldstraße in Adlershof. Ein Kleidermarkt: Kittelschürzen, Nylonstrümpfe, Herren-Netzunterhemden. Auf Kindersommersachen gibt es zwanzig Prozent, auf die enormen Büstenhalter nicht.

Korte ist in Endspurt-Stimmung. Dieser Wahlkampf mit Tendenz zum Patt hat eine berauschende Wirkung. Keiner gibt auf. Dabei sehen die Meinungsforscher von „election.de“ Korte bei 21 Prozent, während Gysi bei 38 steht. Wenn aber der „gefühlte Zuspruch“ etwas mit dem Ergebnis zu tun habe, sagt Korte, „dann habe ich eine Chance“. Die Umfragen? Da habe es einer wie er ohne „Promistatus“ doch schwerer als ein Gysi.

Eine junge Frau läuft vorbei. Korte, noch im Gespräch, kommt gar nicht dazu, ihr eine Rose zu überreichen. Das macht ein Mitarbeiter. Über Rosen freuen sich die Frauen immer. Oder sie sagen: „Von Ihnen nicht!“ Die junge Frau sagt: „Ich wähle euch sowieso“. Der Rentner, mit dem Korte redet, wohl auch. Finanzen, Steuern, Arbeit – Korte kommt mit den durch vielhundertfache Aussprache geschliffenen Argumenten: Arbeit schaffen, Einstellung leichter machen. Der Anwalt mit einer Kanzlei Unter den Linden ist eine politische Existenz – einer, bei dem Pläne und Praxis zusammenkommen. Er kennt die Schwierigkeiten des Mittelständlers, er befasst sich viel mit Wirtschaftsrecht und Existenzgründung, passenderweise in Adlershof.

Schon als der Wahlkampf im Hochsommer Konturen bekam, strahlte Korte vor Zuversicht. Er spürte die Wechselstimmung – jeder glaubte daran. Dann gab es gleich zwei Schläge: Erst verletzte Jörg Schönbohm mit seiner Proletarisierungsthese die ostdeutsche Seele, dann folgte – schlimmer in der Wirkung – Edmund Stoiber mit seiner „Frustrierten“-Theorie. Korte spürte „Belastungen“ im Wahlkampf. „Bei euch ist der Stoiber, euch kann man nicht wählen“, hätten Leute gesagt. Aber Korte zeigte trainierte Zuversicht: „Ich rechne nicht mit einem bleibenden Schaden für die Kampagne“, sagte er Mitte August. Zum Start in die heiße Phase sei Ende August immerhin Generalsekretär Volker Kauder gekommen. Das war für Korte „ausgesprochen schön“. Er kam in volle Säle. Er freute sich, dass nicht Scheffler, sondern er im Fernsehen gegen Gysi antreten würde. Die Leute vom Fernsehsender FAB fanden ihn, nicht den SPD-Bundestagsabgeordneten Siegfried Scheffler, interessant genug für ein Fernsehduell mit Gysi. Die Schönbohm-Stoiber-Delle sei „nicht mehr da“, erzählte er. Eine Szene schien ihm symptomatisch: Er sei im Wahlkreis unterwegs gewesen und habe gesehen, wie Schefflers Wahlkampfmobil auf den Abschleppwagen geladen wurde.

Doch mit der Kirchhof-Diskussion und der Fernsehstrahlkraft des Kanzlers ebbte die Welle der Zuversicht ab. Auf den orangefarbenen Hemden von Kortes Helfern steht beschwörend „Mut zum Wechsel“. Jetzt spricht keiner mehr von Wechselstimmung. Hinter Korte liegen Wochen ohne Pause: Kanzlei – Wahlkampf – Kanzlei – Wahlkampf. „Die Tage verschwimmen“, sagt er. Das freundliche Lächeln bekommt er noch hin. Aber vom Wahlkampf der Union sagt er: „Wir sind zu harmlos gewesen.“

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben