Berlin : Nachrichten

In der Weitlingstraße in Lichtenberg feiern Deutsche und Ausländer getrennt – hier weht die Reichskriegsfahne

Yoko Rückerl/River Tucker

Samstag, 17 Uhr, Deutschland spielt gegen Schweden. Die Weitlingstraße in Lichtenberg ist menschenleer. Vor dem Italiener „Bella Mare“ beschallen Lautsprecher die Straße, Podolski schießt nach vier Minuten das erste Tor. Jubel im Restaurant. Hierhin rettete sich Mitte Mai der PDS-Abgeordnete Gyasettin Sayan, nachdem er von Rechtsradikalen verprügelt wurde. Nicht erst seit diesem Überfall gilt die Weitlingstraße als eine der gefährlichsten in Berlin. Ausländische Reiseführer warnen, speziell dunkelhäutige Touristen vor einem Besuch.

Im „Bella Mare“ sitzen italienische Kellner und deutsche Gäste zusammen vor der Leinwand. Der Mann mit dem Schnurrbart isst Pizza, der Reichsadler auf seinem T-Shirt fällt gleich ins Auge. Daneben ein Kahlrasierter im Hemd, das rechtsradikale „Thor Steinar“-Logo auf der Brust. Beide jubeln zum 2:0, Podolski macht Deutschland glücklich. Von der Straße krachen Silvesterböller.

Wie überall in Berlin weht auch hier überall Schwarz-Rot-Gold vom Balkon. Nur, dass in der Weitlingstraße brasilianische, kroatische oder türkische Flaggen fehlen. Dafür aber eine Reichskriegsflagge. Lokale wie die „Kiste“ bestärken das Bild vom rechten Weitlingkiez. Die „Kiste“ ist eine Kneipe, in der die Gäste ihre politische Gesinnung frei zur Schau stellen. „Es war ein Fehler, Gastarbeiter ins Land zu holen“, kann man in einem Zeitungsartikel im Fenster lesen. An der Theke prosten sich zwei Männer zu, die Köpfe rasiert, die Hosenträger in Schwarz-Rot-Gold. Über ihren Köpfen steht „Deutschland, Deutschland über alles...“ – die erste Strophe des Deutschlandliedes gehört hier dazu. Runen und Wikingersymbole überall, ein Peter-Gabriel-Poster mittendrin. Auf einem Werbeplakat steht, dass Germanen den „Odin-Trunk“ bevorzugen. Das in der Neonazi-Szene beliebte Bier zeigt stolz den germanischen Gott auf dem Etikett. Während der Halbzeitpause stehen die Gäste vor der rauchgeschwängerten „Kiste“. Die Polizei fährt vorbei, die Deutschlandflagge am Wagen.

Direkt gegenüber ein anders Bild, dort sitzen vietnamesische Frauen vor ihrem Kiosk in der Sonne. Im Ladenfenster ein Schild: „Nein zu Gewalt“. Ein paar Meter weiter arbeiten Houng und ihre Schwester Baihi (Namen geändert) in ihrer Eisdiele. Deutschlandfähnchen stehen auf den leeren Tischen. Auch hier läuft Fußball im Biergarten, aber niemand ist da. „Das Geschäft läuft nicht so gut hier“, sagt Baihi. Am liebsten will sie gar nichts sagen. Wie lebt es sich als Vietnamesin in der Weitlingstraße? Sie habe von dem Überfall auf den Politiker gehört, so die Schwester. „Meine Eltern haben auch Angst um mich“, sagt Houng. „Ich habe keine. Mir ist noch nichts passiert.“

Der Döner-Laden in der Weitlingstraße nennt sich „Bistro“. Wie im italienischen Restaurant fiebert ausländisches Personal mit den deutschen Gästen für „ihre“ Mannschaft. Ein Betrunkener, vollständig in Schwarz-Rot-Gold gekleidet, fordert lautstark „noch ein Tor“. Vor dem Imbiss steht eine junge Familie, der Vater grüßt seinen Kumpel mit dem Hitlergruß.

Zurück im „Bella Mare“, das Spiel ist aus, die meisten Gäste sind gegangen. Auf die offensichtlich Rechtsradikalen angesprochen, druckst der italienische Kellner, der nach dem Überfall für den verletzten Gyasettin Sayan den Krankenwagen rief, herum. Eigentlich sei alles nicht so schlimm, man komme miteinander aus. „Außerdem wohne ich in Charlottenburg. Die Kneipe gehört einem Freund von mir. Wenn der mich braucht, springe ich ein.“ In Deutschland möchte der Kellner aus Rimini aber nicht bleiben; sobald es geht, möchte er wieder im Ausland arbeiten. „In Italien, da sind die Leute anders als hier.“

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