Berlin : Nachrichten

Daniela Martens

Der Feuerball versinkt abends innerhalb von fünf Minuten im Meer hinter Wedding. „Im Stadtmeer“, präzisiert Jürgen Gangl. Der Generaldirektor des „Park Inn“ steht auf dem Dach seines Hotels und blickt über Berlin. 70 Kilometer weit könne man bei klarem Wetter sehen, sagt er. Es ist der Lieblingsplatz des 42-Jährigen. Oft sieht er sich von dort aus den Sonnenuntergang an, manchmal sogar morgens um sechs ihren Aufgang.

Dann kam er auf die Idee, diesen Ausblick mit anderen zu teilen. Seit einigen Tagen gibt es auf der neuen Dachterrasse des Hotels jeden Abend eine „Sundowner Party“ – mit Cocktails und Liegestühlen. „Man muss es doch ausnutzen, wenn man das höchste Hotel Deutschlands hat“, findet Gangl. Das Park Inn misst fast 160 Meter. „Wenn man hier oben steht, wird einem klar: Berlin ist die einzige deutsche Weltstadt – und dazu gehören große Häuser wie dieses Hotel.“

Trotz der luftigen Höhen: Die Bodenhaftung will Gangl nicht verlieren. Er sucht möglichst oft den direkten Kontakt zu seinen Gästen. Jeden Morgen macht der Generaldirektor seine Runde durchs Hotel wie der Kapitän eines Kreuzfahrtschiffes und sieht nach, „ob noch alle Planken dicht sind“. Heute hat er dabei kurzentschlossen einem Stammgast beim Frühstück Gesellschaft geleistet.

Kundenservice hat er von frühester Jugend an gelernt. Schon als Schüler im Südschwarzwald begann er als Kellner zu arbeiten. Das brachte ihn auf den Geschmack am Geschäft mit den Touristen. Er besuchte die Hotelfachschule und arbeitete in verschiedenen Häusern: Rezeption, Reservierung, Restaurant – Gangl kennt alle Aufgaben aus eigener Erfahrung. Vor sechs Jahren kam er zum ersten Mal nach Berlin, um beim Aufbau des „NH“-Hotels Mitte zu helfen. Nach einem Intermezzo in Frankfurt wollte er 2005 zurück in die Hauptstadt: „Die Lebensqualität hier ist sensationell.“

Auf der Dachterrasse weht es manchmal wie auf hoher See. Gerade flattert Gangls orange-rote Krawatte in der steifen Brise. Und es sieht auf dem Hoteldach auch ein bisschen aus wie auf einem Frachtschiff: Metall-Leitern, Plattformen und Rohre überall.

Der Fensterputzer-Fahrstuhl steht direkt an der Dachkante wie ein Ausguck. Gangl hat sich schon einmal höchstpersönlich in diesen „Mastkorb“ gewagt: Vom Boden aus ist er die Hälfte der 160 Höhenmeter hinaufgeschwebt. „Das hat mir gereicht. Mir ist klar geworden, wie viel Mut die Fensterputzer brauchen“, sagt Jürgen Gangl.

Nach Sonnenuntergang nimmt er das „Beiboot“ und fährt nach Hause: Auf einer Vespa tuckert er, immer noch im schwarzen Anzug, heimwärts nach Großziethen. Und wieder weht die Krawatte.

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