Nachruf auf Adam Nagelbach (Geb. 1918) : Die blaue Null am Oberarm

Dreimal ist er gemustert worden, zweimal war er untauglich. Dann guckten sie nicht mehr so genau hin, er kam zur SS und wurde tätowiert. Obwohl er nicht mal zum Zielen das Auge schließen konnte.

Kirsten Wenzel
Adam Nagelbach (1918 - 2013)
Adam Nagelbach (1918 - 2013)Foto: Privat

Sommer 1945, irgendwo bei Urizeni in den Karpaten, im sowjetischen Kriegsgefangenenlager. Ein schmaler Mann in einem zu großen Mantel versucht, sich unsichtbar zu machen. Deutscher Soldat zu sein, das genügt doch schon in diesem Lager. Aber das, was er auf seinem linken Oberarm trägt, macht seine Lage so gut wie aussichtslos. Es ist eine kleine blaue Null, eine Tätowierung der Waffen-SS. Bei jeder Durchsuchung des Lagers verschwindet er in Richtung Latrine, beginnt mit dem Putzen und versenkt die Arme tief im Koteimer. Das hält die Kontrolleure von ihm ab. Doch wie lange wird die Taktik funktionieren? Und warum ist ausgerechnet er, Adam Nagelbach, der nie Soldat werden wollte, der nicht schießen konnte und der, wenn man es genau nahm, auch gar kein Deutscher war, in diese Lage geraten?

Als er 17 war, dachte er noch, das große Weltgeschehen spiele sich anderswo ab. Sicher nicht in seiner Welt, in die seine Vorfahren einmal auf provisorischen Holzbooten mit dem Strom der Donau getrieben waren. Nicht in Liebling, dem verschlafenen deutschen Dorf im rumänischen Banat. Da ging man wie 100 Jahre zuvor in Tracht zum Gottesdienst, traf sich im Winter zum Geschichtenerzählen, zur „Maje“ an den Kachelöfen der alten Lehmhäuser, feierte im Sommer die „Kerwei“ und schuftete ansonsten von früh bis spät auf dem Feld. Für das moderne Leben und die große Politik interessierte sich hier niemand.

Von den vier Kindern der Familie Nagelbach war Adam der Schüchternste. Er sprach mit leiser Stimme, er liebte sein Dorf, die Polka, Fahrradtouren, Literatur. Es war nur etwas mit seinem Auge nicht in Ordnung: Seit einem Sturz auf den Mülleimer in früher Kindheit konnte er es nicht mehr schließen, eine Lähmung der rechten Gesichtshälfte. Er war nicht unsportlich, später, im Internat in Hermannstadt bei den Siebenbürger Sachsen, gehörte er zu den Besten im Weitsprung und am Reck. Aber die Sache mit dem Auge machte ihn für sein ganzes Leben vorsichtig. Jedem Konflikt, jedem kleinen Kampf ging er aus dem Weg und ertrug im Zweifel lieber den Spott der anderen, als sich zu wehren

Als er 1939 zur rumänischen Armee bestellt wurde, bewahrte ihn sein unschließbares Auge vor dem Kriegsdienst. „Saracu“ – der Arme, murmelte der Arzt bei der Musterung, „er kann nicht zielen.“ Adam, der Glückliche, durfte nach Hause gehen. Doch was sollte er stattdessen tun? Das Weltgeschehen war inzwischen gar nicht mehr weit weg. Im Osten stand Stalin, im Westen Hitler. In der Mitte, in Rumänien, blühten Nationalismus, Korruption und Vetternwirtschaft. Das ließ ihn schnell den lang gehegten Traum vergessen, er könne mit seinem fließenden Rumänisch und dem Abschluss des Handelslyceums eine Arbeit im Land finden. Auch das Dorf Liebling bot keine Perspektive mehr. Der Vater hatte die Holzhandlung seinem großen Bruder übergeben.

Es war Krieg, er war 22 Jahre alt und arbeitslos, als er sich 1940 freiwillig zur Armee meldete. Die deutsche Waffen-SS rekrutierte in einer großen Nacht-und- Nebel-Aktion die sogenannten „Volksdeutschen“ im Banat. Ohne viel über die SS zu wissen, sagte er zu. Er wollte nach Deutschland, in das Land der wirtschaftlichen Erfolge. Er musste ja damit rechnen, bei der Musterung erneut durchzufallen, diesmal aber fern der chancenlosen Heimat. So geschah es: Die jungen Männer wurden per Schiff auf der Donau nach Wien gebracht und erst dort den Militärärzten vorgestellt. Bei seinem Anblick schüttelten sie sofort den Kopf: untauglich selbstverständlich. Was für ein Glück, dachte er, als er den SS-Männern beim Exerzieren zusah und den Kasernenhofton der schwarz bestiefelten Unterführer vernahm.

Das Arbeitsamt vermittelte ihn als Buchhalter in eine Landmaschinenfabrik in Brandenburg. Er verliebte sich in die Tochter des Chefs, bewarb sich für ein Studium, machte noch ein Praktikum in einer Pflugfabrik in Süddeutschland, und so zivil hätte es für seinen Geschmack immer weitergehen können.

Doch im Sommer 1943 bekam er einen neuen Musterungsbefehl der Waffen-SS. Bei der Untersuchung in Konstanz schaute man ihn noch nicht einmal an, bevor das Urteil fiel: tauglich, selbstverständlich. Widerworte zwecklos. Inzwischen konnte die sogenannte Elite- Truppe jeden gebrauchen: selbst Kriegsgefangene oder solche wie ihn, der nicht einmal zum Zielen das Auge schließen konnte.

Er war 25, als er in das Sanitäter-Ersatzbataillon Stettin einrückte, einer Einheit aus „Volksdeutschen“ aus Rumänien, Jugoslawien und anderen Teilen Osteuropas. Nach kurzer Ausbildung im Marschieren, Notverbandanlegen und Spritzesetzen befahl man ihn zur Putztruppe eines Lazaretts. Kaum jemandem fiel er auf, die meisten hielten ihn für ein wenig beschränkt, weil er mit seinem Auge etwas komisch aussah. Er hatte nichts dagegen und ertrug still und putzend den Irrsinn der letzten Kriegsjahre. Tätowiert wurde er aber wie alle anderen SS-Leute auch: Die Null stand für seine Blutgruppe, die Kennzeichnung sollte eine Blutspende im Ernstfall erleichtern.

Als der Krieg endlich vorbei war, wollte er wie alle so schnell wie möglich in seine Heimat zurückkehren. Doch wo war das? Von einem entfernten Verwandten, dem er während der letzten Kriegsmonate zufällig begegnet war, wusste er, dass seine Familie und fast alle anderen Bewohner Lieblings bereits im Oktober 1944 bei läutenden Kirchglocken innerhalb weniger Stunden das Dorf verlassen hatten, um den einmarschierenden Russen zu entgehen. Ein Treck mit gut 400 Wagen, 900 Pferden und hundert Kühen. Dennoch zog es ihn zurück in Richtung Banat. Wohin sollte er denn sonst gehen?

Herumirrend geriet er schon nach kurzer Zeit in russische Gefangenschaft. Auch hier versuchte er wie schon zuvor vor allem eins: nur nicht auffallen. Als die Sowjets wieder einmal alle Gefangenen die Arme hochheben ließen, simulierte er eine Ohnmacht. Am nächsten Tag wurde eine Hundertschaft aus dem Lager entlassen, und es gelang ihm, dabei zu sein.

Seine Familie fand er in einem Flüchtlingslager in Österreich, doch Vater, Mutter und Geschwister planten schon ihre Ausreise in die USA. Er durfte als Einziger nicht mit – wegen der Tätowierung der SS. Ein Jahr später vermittelte ihn das Arbeitsamt ausgerechnet an die amerikanischen Streitkräfte in Kaiserslautern, als Büromitarbeiter, der sich um den Nachschub von Schreibmaschinen, Radiergummis und Bleistiften kümmerte. Die Amerikaner beschäftigten ihn gern, „no problem, das mit der SS“, sagte der Mann, der ihn einstellte. Die einzige Bedingung: Er musste gegen die Russen sein.

Er war 34, als für ihn das begann, was wir heute das normale Leben nennen. Beruf finden, Frau kennenlernen, Familie gründen. Die Hochzeitsreise ging mit dem Bus aus Vorkriegszeiten, dem Kurpfalzexpress, nach Italien, das Kind nannten sie Dorothea. Nachdem die Festanstellung bei der deutschen Rentenversicherungsanstalt gesichert, der Hausbau gemeinsam mit den Schwiegereltern bewältigt war, begann er, sich ehrenamtlich um die Flüchtlinge aus dem Banat zu kümmern, und bald kannten ihn alle, die Sorgen mit den deutschen Behörden hatten.

Er reiste, so oft es ging, in Richtung Osten, in die alte Heimat an der Donau. Er kannte noch die Flussinsel Ada Kaleh. Die hatte schon Herodot besungen, und er war als junger Mensch auf ihr spazieren gegangen. Dann kamen die modernen Zeiten, man trug die Kirche auf dem kleinen Eiland ab, baute ein Kraftwerk an das Ufer. Und 1972 versank die Insel in den Fluten der Donau. Wenn er so etwas erzählte, kopfschüttelnd, dann wurde ihm für einen Moment klar, was für ein gewaltiger Sturm über sein Leben gezogen war. Stück für Stück war die Welt, in der er aufgewachsen war, verschwunden. Er wollte Ruhe, Tradition, Überschaubarkeit, doch das Leben fragte nicht danach.

Nachdem seine Frau an Alzheimer erkrankt und er selbst gebrechlich geworden war, zog er zu seiner Tochter nach Berlin. Noch einmal musste er alles Vertraute hinter sich lassen, doch er klagte nicht. Solange es ging, entdeckte er neugierig per Bus die Stadt. Als er spürte, dass sich sein Leben dem Ende näherte, erfasste ihn noch einmal eine große Unruhe. Er musste noch einmal alles zusammentragen, was er über das Leben in Liebling und im Banater Land wusste. Irgendwie dieses verrückte Leben begreifen. Die Tochter und ihre Familie halfen ihm dabei. Es wurde ein richtiges Buch daraus. „Wege und Irrwege“ nannte er es. Er starb kurz nach der Übergabe des Manuskripts an den Verlag.

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