Nachruf auf Amicus Bachmann (Geb. 1947) : „Du musst nie arbeiten“

So sagte es der Vater. Sollte er sich dagegen auflehnen? Er hielt es mit Marx, Groucho Marx: „Ich möchte keinem Club angehören, der mich als Mitglied aufnimmt.“ Nachruf auf einen Künstler ohne Drang.

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Amicus Bachmann (1947-2016)
Amicus Bachmann (1947-2016)Foto: privat

Kann der Sohn ein Freund der Eltern sein? Eltern hoffen das. Söhne wehren sich dagegen. Oder es ist ihnen egal, sie finden ihren Weg fort von den Eltern ganz allein, und was dann geschieht, ist offen.

Hermann und Gisela Bachmann wünschten sich ein Kind. Es wurde ein Sohn, sie nannten ihn Amicus, Freund. Amicus hat sich nicht gewehrt. Seinen Weg hat er auch nicht gefunden. Ganz selten hat er mal danach gesucht.

Es gibt die Geschichte von dem Bild „Josefs Verhängnis“. Amicus hat es in Öl gemalt, es war eins von nicht allzu vielen. Er malte ja nur, wenn ihm danach war, und danach war ihm nicht so oft. Auf diesem Bild nun stand Josef hinter einem Vorhang, beobachtete Maria, die vom Heiligen Geist geschwängert wurde, und holte sich, was blieb ihm übrig, einen runter. Das Bild sollte in einer Gruppenausstellung hängen. Sein Vater, selbst Maler und von gutem Ruf, war wenig amüsiert von diesem Werk. Er machte seinen Einfluss geltend, woraufhin „Josefs Verhängnis“ nicht wie geplant den zentralen Platz in der Ausstellung erhielt, sondern an einen unauffälligen Ort gehängt wurde. Es wanderte dann in den Bestand des Vaters, Amicus kümmerte sich nicht weiter drum. Als viele Jahre später der Vater starb und der Sohn dessen Berliner Wohnung auflöste, stieß er auf das Bild. Er erkannte es allerdings nur an der Signatur auf der Rückseite. Die Vorderseite hatte der Vater übermalt.

3333 Kilometer, das war das Ziel

Amicus war schon früh ein freier Mensch, für seine Grenzen ganz allein verantwortlich. Seine Eltern stellten keine Forderungen. Die Mutter war ganz für den Vater da. Der Vater fand, man müsse Amicus von den Übeln dieser Welt fernhalten. Er hatte sie im Krieg zur Genüge kennenlernen müssen, hatte Befehle befolgt und sich verstrickt. Seinem Sohn sollte es anders ergehen. „Du musst“, an diesen Satz erinnerte sich Amicus bis zum Schluss, „nie arbeiten, mein Junge.“ Kunststück, so ein Satz, wenn der, der ihn spricht, ein Künstler ist und neben seiner Kunst nichts gelten lässt.

Auf der Schule glänzte Amicus ausschließlich in jenen Fächern, die ihn interessierten. Kunst vor allem, zeitweise Biologie. Sonst lief es nicht so gut. Egal. Es folgte ein Studium in Grafikdesign. Einen Grund, sein Talent zur Schau zu stellen, konnte er nicht finden. Sympathisch eigentlich – und kein bisschen zielführend. Mit seinem Freund Peter hat er mal eine lange Radtour unternommen. 3333 Kilometer, das war das Ziel. Als sie es erreichten, klemmten sie den Kilometerzähler ab und fuhren weiter.

Seine Eltern fanden, er könne es mal mit der Schreiberei versuchen. Schriftsteller gingen bei ihnen ein und aus, da musste doch was zu machen sein. Amicus las sehr viel, warum sollte er dem, was schon geschrieben stand, weiteres hinzufügen? Zumal, wenn man klug genug ist zu wissen, dass das Selbstgeschriebene nicht annähernd an das Großartige heranreicht, das man gelesen hat? Die Bibel las er mit seinem Freund Peter um die Wette; da zeigte er mal Durchhaltevermögen. Er liebte Karl May und empfahl Peter statt Heinrich Böll lieber Gottfried Benn zu lesen (der gesagt hat: „Dumm sein und Arbeit haben – das ist das Glück“).

Für den Terrorismus taugte er nicht

Als die Achtundsechziger auf die Straßen gingen, ging Amicus mit. Er hatte zwar keine Ahnung, wovon er sich selbst hätte befreien müssen, was aber sollte falsch daran sein, den Rest der Gesellschaft zu befreien? Amicus konnte stolz berichten, dass er in Paris auf einer Demo festgenommen worden war und zwei Tage im Knast verbracht hatte. Nie aber schloss er sich einer Gruppe an, die die Sache systematischer anging. Sein Gewährsmann hieß Marx, Groucho Marx: „Ich würde keinem Club angehören wollen, der mich als Mitglied aufnimmt.“

Amicus erlebte, wie die einen in die Institutionen wanderten – aber was sollte er denn da? Und er erlebte die anderen, die ins Extreme glitten – für den Terrorismus taugte er schon wegen seines Namens nicht. Er begab sich in ganz andere Sphären, auch recht zeittypisch: Er fuhr in den Aschram nach Indien. Der Guru, dessen Ideen er passabel fand, Sri Aurobindo, war leider schon seit Jahren tot und es herrschte Uneinigkeit über die Auslegung. Die Erleuchtung blieb aus.

Zehn Jahre Eheleben: Gitta ging arbeiten, Amicus ging trinken. Gitta wollte ein Kind, Amicus wollte keins. Als sie sich trennten, zog Amicus aus der großen Steglitzer Wohnung in eine Seitenflügelbutze um die Ecke. Geld kam von den Eltern, er brauchte ja nicht viel.

Die viele Jahre währende Beziehung zu der Frau, die Almut hieß und sich Galatea nannte, war selbstverständlich kompliziert. Sie wäre gerne seine Muse gewesen, aber es entstand zu wenig Kunst. Sie fand, er müsse raus, mal arbeiten, mal Geld verdienen. Er tat ihr den Gefallen. Ein paar Jahre lang war Amicus angestellt bei einer Wachschutzfirma und passte in Museen auf die Kunst auf. Er schaltete oft die Alarmanlage aus, weil er sich immer so erschreckte, wenn Besucher zu nah an die Bilder traten und das Signal auslösten. Außerdem sah er sich selbst die Bilder gern aus nächster Nähe an. Verhängnisvoller war’s, wenn er im Suff einen Museumdirektor fürchterlich beleidigte. So brachte er auch diesen Ausflug in die Erwerbstätigkeit hinter sich ohne tiefgreifende Erkenntnis, worin der Sinn des Daseins liegen könnte. Gewiss, er hatte viel Zeit gehabt für die Kunstbetrachtung; das war auf keinen Fall sinnlos. Aber warum sollte man dabei eine lächerliche Uniform tragen?

Woher nimmt der Künstler seinen Drang?

Er hätte natürlich mehr zeichnen und malen können. Das Talent war da, der Vater stellte ihm sein Atelier zur Verfügung. Woher aber nimmt der Künstler seinen Drang? Der Vater zog ihn aus den Kriegserlebnissen; so etwas hatte Amicus nicht aufzuweisen. Er lag gern in seinem Bett und schaute in sich. Da fand er wenig Drängendes. Dann hörte er Deutschlandfunk und erfuhr, wie profan es in der Welt zuging. Dann las er was, und wenn es von Emil Cioran war, den er besonders schätzte, sah er sich bestärkt in seinem Daliegen: „Das ganze Geheimnis des Lebens läuft darauf hinaus, dass es keinerlei Sinn hat; dass aber jeder von uns dennoch einen ausfindig macht!“

Amicus hatte eine Schwester, Susanne, die war sehr anders als er. Sie suchte ihren Sinn in der Malerei, gegen den Vater. Wie besessen malte sie – und kam nicht an gegen ihn. Wie besessen soff sie auch – und kam an gegen sich selbst. Sie starb mit 35.

Dagegen wirkt Amicus’ Weg des ausbleibenden Widerstandes beinahe gesund. Er gab sich einige Mühe, seinen Sinn im Werk des Vaters ausfindig zu machen. Als der noch lebte hat er ihm Leinwände auf Rahmen gespannt und Leinwände grundiert. Er ist mit dem Vater um die Häuser gezogen, hat die ganzen Künstlerfreunde kennengelernt und blieb: der Sohn vom Bachmann, ein bisschen still aber sympathisch. Als der Vater tot war, wollte er sich ums Erbe kümmern. Nur teilte er das Erbe mit seiner Mutter, und wer einen Künstlernachlass für teilbar hält, hat sowieso nichts verstanden. Amicus war oft bei seiner Mutter, und er verließ sie oft im Zorn.

Seine letzten Jahre verbrachte er auf überschaubarem Radius. Das Bett, in dem er Radio hörte und las. Die Einkaufstasche auf Rollen, die er hinter sich herzog, wenn er seine kleinen Besorgungen machte. Der Spätkauf um die Ecke, in dem er sein Bier und seinen Ramazotti trank. Besonders viel davon vertrug er nicht, und wenn er mal zu viel davon hatte, halfen ihm die Leute vom Spätkauf nach Hause.

Sie nannten ihn Amigo und mochten ihn, eine kleine Gruppe von Männern, die einander keine Fragen stellen, schon gar nicht die sinnloseste nach dem Sinn von alldem. Er wunderte sich ein wenig, was sie alles über ihre Arbeit zu erzählen hatten und vermerkte, nicht hochmütig, eher staunend, dass er nie im Leben gearbeitet habe.

Zu sich lud Amicus nur selten jemanden ein, da sah es nicht so gut aus. Wenn er aber rausging, machte er sich zurecht. War immer rasiert, trug seinen Schal und den guten Trenchcoat. Der war ihm in letzter Zeit zu groß geworden, weil er immer weniger aß.

Sein Abschied war wie sein Leben: lautlos. Als er eine Woche nicht beim Spätkauf war, gingen sie bei ihm vorbei, hörten durch die Tür das Radio laufen und riefen die Polizei. Amicos Mutter wurde informiert. Sie ließ ihren Sohn bei sich in Karlsruhe bestatten, neben Vater und Schwester. Die Freunde vom Spätkauf erfuhren davon nichts. Sie sammelten Geld und ließen in der Zeitung eine Traueranzeige veröffentlichen. Darauf stand: „Des Menschen Schicksal ist der Mensch“. Und: „Danke für die schönen Stunden.“

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